2014 - Das Revival der Dreierkette
Das Fußball-Jahr 2014 wird den meisten deutschen Fans in Erinnerung bleiben. Mal euphorisch, mal kritisch wurde von Vielen die Leistung der DFB-Elf während des Jahres betrachtet – am Ende bleibt die Freude über den WM-Titel.
Bei der Weltmeisterschaft in Brasilien gab es aber vor allem in taktischer Hinsicht eine interessant Entwicklung zu beobachten: Einige Teams spielten mit einer Dreierabwehrkette – und waren damit erfolgreich. Etwa der WM-3. aus den Niederlanden oder der Überraschungs-Viertelfinalist Costa Rica; auch Vizeweltmeister Argentinien trat zeitweise mit diesem System an.
Bis vor ein paar Jahren galt die Dreierabwehrkette als altbacken und war im Profibereich so gut wie ausgestorben. Erst nach 2010 tauchte sie an prominenter Stelle wieder auf. Die Italiener Cesare Prandelli (Nationalcoach Italiens) und Antonio Conte (Trainer von Juventus) kultivierten das 3-5-2-System wieder. Es ist erstaunlich,dass diese Veränderung von Italien ausgeht, da das klassische italienische System, der „catenaccio“, den auch Prandelli und Conte erlernt haben, auf einer Viererabwehrkette basiert.
Der Systemwechsel mag eine Reaktion auf das Ballbesitz-Spiel der spanischen und deutschen Mannschaften gewesen sein und war deshalb einigermaßen defensiv orientiert (nicht allerdings für italienische Verhältnisse). Defensiv ausgelegt war auch die Spielweise der Dreierabwehrketten während der WM. Dies war bei den Viererketten aber nicht anders - so spielte Weltmeister Deutschland zeitweise mit vier Innenverteidigern.
Die Entwicklung während dieser Saison zeigt eher in eine andere Richtung: man spart sich mit der Dreierkette einen Abwehrspieler und stärkt damit die Offensive. So ist das zumindest bei Pep Guardiola (Bayern) – der dieses System ja bereits im Pokalfinale gegen Dortmund anwandte – und Louis van Gaal (ManUnited) zu beobachten. Erfolgslosigkeit hatten die Beiden 2014 nicht zu beklagen.
Was macht die Dreierabwehrkette plötzlich wieder so attraktiv? Seit Anfang der 2000er Jahre setzte sich im europäischen Fußball immer mehr das 4-2-3-1-System durch, das vor allem durch Héctor Cuper beim CF Valencia populär wurde. Es stellte eigentlich nur die Abkehr vom Spiel mit zwei Mittelstürmern zu Gunsten eines weiteren Mittelfeldspielers dar. Im Laufe der 2000er Jahre wandten immer mehr Trainer dieses Spielsystem an, immer öfter mit einer offensiven Grundausrichtung. Als Höhepunkt dieser Entwicklung stellte Louis van Gaal 2010/11 bei den Bayern mit Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos gerne zwei zuvor offensive Mittelfeldspieler auf die „Doppelsechs“ und beorderte in Thomas Müller einen Stürmer auf die „10“. Zusammen mit den durchaus offensiven Außenverteidigern Lahm und Alaba, den Außenstürmern Robben und Ribéry sowie dem Mittelstürmer Gómez (oder Olic) konnte er im 4-2-3-1-System 8 offensivstarke, ballsichere Akteure aufbieten. Für das extrem auf Ballbesitz ausgelegte Offensivspiel war das mit Sicherheit die optimale Lösung, allerdings erwies sie sich in der Defensive als sehr anfällig.
Anders sieht das zur Zeit bei Guardiola (und mittlerweile auch bei ManUnited unter van Gaal) aus. Obwohl auch hier oft 8 offensivdenkende Spieler eingesetzt werden, führt die Dreierabwehrkette zu einer relativ großen Stabilität der Defensive. Die Verteilung der Spieler auf dem Platz und die damit verbundene (zum Teil geänderte) taktische Aufgabe der jeweiligen Position dürfte in diesem Fall den entscheidenden Unterschied machen.
Auf der anderen Seite wurde die Dreierabwehrkette – oder je nach Spielart auch Fünferabwekrkette – in letzter Zeit am häufigsten eingesetzt um dem Ballbesitzfußball der Gegner zu trotzen. Italien bei der EM 2012 und einige Teams bei der WM 2014 hatten mit dieser Taktik Erfolg (unter anderem auch van Gaal als niederländischer Nationalcoach).
Die Gründe, warum die Dreierabwehrkette sowohl dem extremen Ballbesitzfußball zuträglich sein kann, ihn aber auch erfolgreich unterbinden kann sind folgende:
Die Variabilität ist größer. Insbesondere die Mittelfeldpositionen können – je nach Spielausrichtung – entweder sehr offensiv oder sehr defensiv besetzt werden.²
Prinzipiell wird nicht mit einem defensiven Außen und einem offensiven Außen auf jeder Seite gespielt, sondern mit jeweils nur einem, der beides können sollte. Damit wird die Mitte des Spielfeldes gestärkt, wo der Ball zirkulieren kann. Um dies wiederum zu unterbinden, muss man also ebenfalls die Zentrale verstärken.
Diese Vorteile kommen aber nur dann wirklich zum Tragen, wenn der Gegner nicht das gleiche System spielt. Und das ist 2014 vielleicht das Erfolgsgeheimnis der Dreierabwehrkette gewesen. Fast alle Mannschaften spielen seit längerer Zeit ein 4-2-3-1 oder eventuell noch ein 4-4-2 und sind auch nur auf Gegner eingestellt, die dieses System spielen. Das könnte sich in Zukunft schnell ändern, und dann ist Flexibilität gefragt. Die bietet eine Dreierabwehrkette dann vielleicht eher als die Viererkette. Wir werden sehen...
² Das beste Beispiel dafür ist Louis van Gaal. Bei Manchester United lässt er in einer 3-4-1-2-Formation momentan offensivausgerichteten Angriffsfußball spielen, während er bei der WM mit den Niederlanden noch defensivorientiert spielen ließ. Anhand der Aufstellungen lässt sich dieser Unterschied sehr gut an der Besetzung des Mittelfeldes belegen: Während bei Manchester in Valencia und Young zwei „Stürmer“ auf den Außen spielen waren es mit Janmaat und Blind bei der WM zwei „Verteidiger“; auch die Zentrale ist bei ManUnited häufig noch offensiver besetzt als es bei den Niederlanden der Fall war. Mit beiden Varianten hat van Gaal Erfolg.
Autor: Andreas Arens.
sportzumsonntag am 01. Januar 15
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