Legendäre Fußball-Teams - Teil 1: Aston Villa F.C. 1894 bis 1900
DIE Fußball-Mannschaft bis zum ersten Weltkrieg war zweifelsohne der Aston Villa F.C. aus Birmingham. In den 1890er Jahren feierte Villa fünf Meistertitel (1894, 96, 97, 99, 1900) und erreichte drei FA-Cup-Finals, wovon sie zwei (1895, 97) gewannen. Insbesondere zwischen 1894 und 1900 war das Team vom schottischen Manager George Ramsay überragend. In dieser Zeit verfügte der heutige Zweitligist über das erste "galaktische" Star-Ensemble der Fußball-Geschichte. Der Höhepunkt war der Gewinn des Doubles aus Meisterschaft und FA-Cup 1897.

Top-Elf Aston Villa 1894-1900
Keeper: Billy George (ENG);
Full Back: Howard Spencer (ENG);
Backs: Jack Reynolds (IRL/ENG), Jimmy Crabtree (ENG);
Half Back: Jimmy Cowan (SCO);
Winger: Charlie Athersmith (ENG), Stephen Smith (ENG);
Forwards: Jack Devey (ENG), Johnny J. Campbell (SCO), Fred Wheldon (ENG), Denny Hodgetts (ENG).
Manager: George Ramsay (SCO).

Ersatzbank
Keeper: Tom Wilkes (ENG);
DEF: Albert Evans (ENG), Jimmy Welford (ENG), Tommy Bowman (SCO);
OFF: John Cowan (SCO), Billy Garraty (ENG), Bob Chatt (ENG).

JACK DEVEY: Kapitän und Torgarant - der gebürtige Birminghamer (* 26.12.1866) stand Jack Devey wie kein anderer für die Erfolgssträhne des Aston Villa F.C. in den 1890er Jahren. Er war nicht nur für acht Jahre Spielführer des Teams, sondern scorte in dieser Zeit auch so konstant wie niemand anders. Torschützenkönig der englischen First Divison wurde Devey allerdings nie. Dreimal landete er auf dem zweiten Platz (1892 mit 29 Toren, 1894 mit 20 Treffern und 1899 mit 21 Toren) und zweimal auf dem dritten Rang (1895/16 Treffer, 1897/17). Zudem erreichte er jeweils einmal den vierten (1893/18), fünften (1896/16) sowie sechsten Platz (1900/13). Trotz dieser beeindrucken Bilanz absolvierte der Villa-Kapitän zwischen 1892 und 1894 nur zwei Länderspiele für England, in denen er ein Tor erzielte. Sein Problem in der Nationalmannschaft hieß Steve Bloomer, der damals für Derby County auf Deveys Position spielte. Wie dessen Quote von 28 Treffern in 23 Länderspielen sowie seine vier Torjäger-Kronen beweisen, war Bloomer noch einen Tick treffsicherer als Devey.
In Sachen nationale Titel hatte der Villan jedoch eindeutig die Nase vorn. Nach seinem Karriereende 1902 war Devey noch 32 Jahre für seinen Herzensverein als Direktor zuständig. Er spielte dort auch einige Zeit zusammen mit seinen Brüdern Harry und Bob. Seine beiden anderen Brüder waren ebenfalls Profi-Fußballer und spielten für den Stadtrivalen Small Heath (heute Birmingham City). Jack Devey zeigte sein Sport-Genie übrigens auch im Cricket, wo er sich zwischen 1887 und 1907 bei Warwickshire einen ebenfalls großen Namen machte. Zudem war er als Bowler aktiv.
Gesamtbilanz, Aston Villa (1891-1902): 268 Spiele/168 Tore (First Division), 38/18 (FA-Cup); England: 2/1 (1892-94).

JACK REYNOLDS: In Blackburn geboren (*21.2.1869), wuchs Jack Reynolds auf der irischen Insel im heutigen Nordirland auf. Mit 15 kehrte er in seine Geburtsstadt zurück und wurde bei den Blackburn Rovers fußballerisch ausgebildet. Als Mitglied der britischen Armee ging es zurück auf die grüne Insel, wo Reynolds für Lisburn Distillery und den Ulster F.C. auflief. In dieser Zeit spielte der Half-Back auch fünfmal für die irische Nationalmannschaft (ein Tor). 1891 wechselte der großartige Techniker zu West Bromwich Albion. Mit einem Finaltreffer gegen Aston Villa krönte Reynolds sich und W.B.A. zum FA-Cup-Sieger 1892. Ein Jahr später schloss sich der wohl bestbezahlte Fußballer des 19. Jahrhunderts dem Lokalrivalen an. Mit Villa gewann er weitere zwei Cup-Finals und drei Meisterschaften.
Bis zu seinem Abgang nach dem Double-Gewinn 1897 lief Reynolds als Villan auch achtmal für England auf (drei Tore). Bis heute ist der Anglo-Ire der einzige Spieler, der sowohl für Irland, als auch für England offizielle Länderspiele absolvierte und der einzige, der sowohl für, als auch gegen England ein Tor erzielte. Nicht nur als Fußballer erwarb sich Reynolds einen legendären Ruf. Auch als starker Trinker und als Womanizer machte er sich einen Namen. So gab er viel von seinem verdienten Geld schnell aus und verstarb bereits im Alter von 47 Jahren.
Gesamtbilanz, Aston Villa (1893-97): 96/17 (First Division), 14/? (FA-Cup); Irland: 5/1 (1890-91), England: 8/3 (1892-97).

JIMMY CRABTREE: Am 23.12.1871 in Burnley geboren, verdiente sich Jimmy Crabtree seine ersten fußballerischen Sporen beim Burnley F.C.. Hier wurde er bereits 1894 zum englischen Nationalspieler und wechselte ein Jahr später zu Aston Villa. Der Half-Back, der später auf die Position des Full-Backs wechselte, erwarb sich einen Ruf als hochveranlagter Fußballer. Seine präzisen Kicks, seine kunstvollen Tackles und seine überlegte Art auf dem Fußball-Platz galten ganzen Generationen als Vorbild. Drei Meisterschaften und einen FA-Cup-Titel errang Crabtree mit Villa, wo er Jack Devey nach dessen Karriereende als Kapitän ablöste. 1908, im Alter von 36 Jahren, starb Crabtree plötzlich und unerwartet.
Gesamtbilanz, Aston Villa (1895-1904): 176/6 (First Division); England: 14/0 (1894-1902).

CHARLIE ATHERSMITH: Zehn Jahre lang war Charlie Athersmith (*10.5.1872) bei Aston Villa auf Rechtsaußen gesetzt. Alle Erfolge der 1890er Jahre erlebte er als Schlüsselspieler mit. Auch in der englischen Nationalmannschaft war er in dieser Zeit regelmäßig mit von der Partie. Für Aufsehen sorgte eine Aktion während eines Liga-Spiels gegen Sheffield United 1901. Eisiger Starkregen machte allen Akteuren zu schaffen und Athersmith schnappte sich kurzerhand einen Regenschirm von einem Zuschauer. So ausgestattet erzielte der Rechtsaußen sogar einen Treffer. Nach seiner Zeit bei Villa lief Athersmith noch vier Jahre lang für den Stadtrivalen Small Heath auf.
Gesamtbilanz, Aston Villa (1891-1901): 269/75 (First Division); England: 12/3 (1892-1900).

JIMMY COWAN: Der Schotte (*17.10.1868) verbrachte seine ganze Profikarriere bei Aston Villa. Obwohl er nur dreimal das Nationaltrikot trug galt Jimmy Cowan als einer der feinsten Spieler der viktorianischen Ära als Centre-Half-Back. Fünf Meisterschaften und zwei FA-Cup-Titel feierte der extrem schnelle Läufer in dieser Zeit. Nach seiner aktiven Zeit coachte Cowan zunächst die Villa-Jugend, ehe er sieben Jahre lang Manager der Queens Park Rangers war.
Gesamtbilanz, Aston Villa (1890-1902): 354/? (First Division); Schottland: 3/0 (1896-98).

HOWARD SPENCER: Geboren am 23.8.1875 in Birmingham wurde Howard Spencer zu einer Legende bei Aston Villa. Er ging als der "Prince of Full-Backs" in die Geschichte ein. Während seiner gesamten Karriere blieb er seinem Heimatclub treu. Neben den vier Meisterschaften und den beiden FA-Cup-Siegen zwischen 1895 und 1900 durfte Spencer 1905 nochmal den Pokalsieg feiern, dieses Mal als Kapitän. Nach der aktiven Karriere war er noch bis 1936 ein Direktor bei den Villans, mit denen er insgesamt 42 Jahre verbandelt war.
Gesamtbilanz, Aston Villa (1894-1906): 295/2 (First Division); England: 6/0 (1897-1905).

FRED WHELDON: Als Zweiter der Torjägerliste der Saison 1896/97 hatte der linke Innenstürmer Fred Wheldon (*1.11.1869) großen Anteil am Gewinn des historischen Doubles. Auch zu den beiden folgenden Meistertiteln trug er als Stammspieler entscheidend bei. 1898 wurde er Torschützenkönig. Vor seiner Zeit bei Aston Villa lief Wheldon lange für Small Heath, danach für West Bromwich Albion auf. Damit war er der erste Spieler, der für alle drei großen Clubs der Brimingham-Area aktiv war. Zu seiner Hochzeit Ende der 1890er galt er dank seiner Ballbehandlung, seinem extrem harten Schuss und seiner Kopfballstärke als zweifelsfrei bester linker Innenstürmer Englands. Auch im Cricket erreichte Wheldon die höchsten Weihen.
Gesamtbilanz, Aston Villa (1896-1900): 163/68 (First Division); England: 4/6 (1897-98).

BILLY GEORGE: Am 29.6.1874 geboren, gilt Billy George immer noch als einer der besten Keeper Aston Villas aller Zeiten. Obwohl er erst nach dem Double 1897 zu Team stieß, war George seinen Vorgängern im Kasten klar überlegen. In allen Bereichen des Torwart-Spiels setzte er zu jener Zeit Maßstäbe. Später feierte er noch den FA-Cup-Sieg 1905 und den Meistertitel 1910 mit den Villans. Auch George spielte erfolgreich Cricket.
Gesamtbilanz, Aston Villa (1897-1911): 356/0 (First Division), 40/0 (FA-Cup); England: 3/0 (1902).

JOHNNY CAMPBELL: Nur zwei Spielzeiten absolvierte der schottische Mittelstürmer John James Campbell (*12.9.1871 in Glasgow) für Aston Villa. Es waren aber wohl die besten Jahre in der Vereinsgeschichte: 1895/96 trug der Torschützenkönig mit 26 Treffern zur Meisterschaft bei. 1896/97 folgte das Double, Campbell gelang im Pokalfinale gegen Everton der Siegtreffer. Davor und danach lief er vor allem für Celtic auf - und sammelte auch dort Titel wie andere Leute Briefmarken. Insgesamt je vier Meisterschaften und Pokalsiege errang der Torjäger in seiner Heimat. Hinzu kam dreimal die British Home Championship (Meisterschaft der britischen Nationalteams) mit Schottland, 1902 als Kapitän. Am 17. April 1897 erzielte Campbell das erste Tor im neu eröffneten Villa-Park.
Gesamtbilanz, Aston Villa (1895-97): 55/38 (First Division); Schottland: 12/5 (1893-1903).

DENNY HODGETTS: Als gebürtiger Birminghamer (28.11.1863) war Denny Hodgetts der Siegtorschütze bei Aston Villas erstem Pokaltriumph 1887 gegen den Lokalrivalen West Bromwich Albion. Bis 1896 spielte er noch eine Schlüsselrolle bei allen Erfolgen der Villans, bevor er aus Altersgründen zu Small Heath (= Birmingham City) transferiert wurde. Ursprünglich als Linksaußen aufgeboten, bewies Hodgetts später große Spielmacher-Qualitäten. Sein Ideenreichtum, seine Kombinationssicherheit und seine Selbstlosigkeit galten als wegweisend. Zwischen 1930 und 1945 war Hodgetts als Vizepräsident für Villa tätig.
Gesamtbilanz, Aston Villa (1886-1896): 178/62 (First Division); England: 6/1 (1888-1894).

STEPHEN SMITH: Obwohl nicht immer Stammspieler, war Stephen Smith (*14.1.1874) entscheidend am Höhenflug von Aston Villa beteiligt. Der kleine Linksaußen glänzte insbesondere mit seinen Dribblings. Er galt als uneigensinnig und besaß einen verlässlichen, ruhigen Charakter.
Gesamtbilanz, Aston Villa (1893-1901): 162/35 (First Division); England: 1/1 (1895).

BILLY GARRATY: Mit seinen 27 Treffern 1899/1900 ist Billy Garraty (*6.10.1878 in Birmingham) bis heute der zweitbeste Torschütze in einer Villa-Saison. Schon ein Jahr zuvor wurde er als 19-Jähriger Meister mit seinem Heimat-Club. 1905 sicherte er dem Verein aus dem Stadtteil Aston als Man of the Match und mit einem Treffer den Pokalsieg. Sein Ur-Ur-Großenkel Jack Grealish ist aktuell bei Aston Villa aktiv.
Gesamtbilanz, Aston Villa (1897-1909): 224/96 (First Division), ?/16 (FA-Cup); England: 1/0 (1903).

MANAGER GEORGE RAMSAY: Sein Name ist untrennbar mit dem Aufstieg des Aston Villa F.C. verbunden. Der Schotte George Ramsay (*1.3.1855 in Glasgow) war zunächst zwischen 1876 und 1882 Spieler des erst zwei Jahre zuvor gegründeten Clubs. Der begabte Dribbler galt als erster Star des Vereins, wurde schnell zum Mannschaftskapitän und war maßgeblich an der Verpflichtung seines Landsmannes Archie Hunter (eine der 100 Football-League-Legends aller Zeiten) beteiligt. Nach einer schwerwiegenden Verletzung fungierte er ab 1884 als Manager - und das 42 Jahre lang. Sechs Meistertitel (+ sechs Vizemeisterschaften) und sechs FA-Cup-Siege zieren Ramsays Bilanz. Damit begründete er nicht nur die große Tradition von schottischen Serienmeister-Managern im englischen Fußball, sondern war wohl der ausschlaggebende Mann für die goldene Ära der Villans.
Kurz nach Ramsays Tod 1935 (in der Saison 1935/36) stieg der Birminghamer Vorzeigeclub erstmals aus der 1. englischen Liga ab. Auf seinem Grabstein wurde "Founder (= Gründer) of Aston Villa" eingraviert. Dies, und die Tatsache, dass der Club nach seiner Tätigkeit nur noch jeweils einmal den Meistertitel (+ Europapokal der Landesmeister 1982) und den FA-Cup gewann, zeugen von der Bedeutung Ramsays für den Verein. Er implementierte nebenbei die feine, nicht so körperbetonte schottische Spielweise bei Villa und nahm mit den folgenden Erfolgen so Einfluss auf die generelle Entwicklung des Fußballs.

Von Andreas Arens