„Der Pokal hat seine eigenen Gesetze“ – 2015 wird der DFB-Pokal 80
Die sogenannten „eigenen Gesetze“ des DFB-Pokals werden immer dann hervorgekramt, wenn mal wieder ein „Kleiner“ einen „Großen“ besiegt hat. Diese Sensationen, die in der mittlerweile 80-jährigen Geschichte des deutschen Pokals immer wieder vorkamen, machen diesen Wettbewerb zu einem ganz besonderen. Anlässlich des 80-jährigen Jubiläums des DFB-Pokals möchte ich mich diesem Thema mit einer Reihe widmen, zu der ihr im Laufe des Jahres immer wieder Beiträge finden werdet. In der ersten Folge stehen die ersten fünf Jahre dieses Wettbewerbs im Fokus.
Alles begann im Jahr 1935. „Reichssportführer“ Hans von Tschammer und Osten blickte neidvoll auf das alljährliche Cup-Final in England, das seit 1923 immer im Wembley-Stadion ausgetragen wurde und regelmäßig 100.000 Zuschauer anlockte (1923 sogar – eigentlich irreguläre – 126.000). So wurde 1935 der „Tschammer-Pokal“ aus der Taufe gehoben – diesen Namen trug der Pokal bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. Die ersten Vorrundenspiele für den Wettbewerb fanden am 6. Januar 1935 statt. Für die Mannschaften der Gauligen und Bezirksklassen bestand Teilnahmepflicht, alle niederklassigeren Vereine durften mitspielen. So nahmen über 4000 Teams am ersten Tschammer-Pokal teil. In Vor- Zwischen- und Hauptrunden wurden auf regionaler Ebene Ausscheidungs-spiele ausgetragen, um am Ende 64 Teilnehmer für die Endrunde zu ermitteln. Ein ähnliches System wird auch heute noch angewandt (mit dem Unterschied, dass 1.- und 2.-Bundesligisten per „Wildcard“ bereits vorher als Endrundenteilnehmer feststehen).
Das erste Finale um den deutschen Vereinspokal wurde am 8. Dezember 1935 in Düsseldorf ausgespielt. Mit dem FC Schalke 04 und dem 1.FC Nürnberg standen sich die zu der Zeit führenden Mannschaften aus Deutschland gegenüber. „Reichssportführer“ Hans von Tschammer ließ anlässlich des ersten Pokalfinales verlauten: „[...] Neben der Viktoria wird es für die deutschen Vereine nun eine zweite Trophäe geben, die eines sehr nahen Tages an Bedeutung den Kämpfen um die deutsche Meisterschaft ebenbürtig sein wird.“ Schon zwei Jahre später deutete sich an, dass der Begründer des DFB-Pokals damit nicht ganz Unrecht hatte, als Schalke den Pokalsieg größer feierte als den Meistertitel.
1935, im ersten Finale, hatte die „Königsblauen“ jedoch gar nichts zu feiern. Die Star-Truppe um Fritz Szepan und Ernst Kuzorra war als Meister der Jahre 1934 und 1935 als Favorit ins nahe Düsseldorf gereist. Aber der Rekordmeister aus dem Süden, auch damals schon nur „Club“ gerufen, konnte die erste Halbzeit ausgeglichen gestalten. Nach der verkürzten Pause – wegen des einsetzenden Schneefalls und der damit verbundenen Dämmerung – zeigten sich die Nürnberger sogar überlegen. Insbesondere Max „Muckl“ Eiberger konnte sich mit seinen Dribblings immer wieder in Szene setzten. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Nach einer unübersichtlichen Situation in der 48. Minute bejubelte der Club das erste Tor. Aber die 56.000 Zuschauer und zahlreiche Journalisten fragten sich: Wer war der Torschütze, Max Eiberger oder Mittelstürmer Georg Friedel? Friedel selbst gab Auskunft: „ Der Muckl hat ihn reingemacht, ich hab nur mitgeholfen.“ Doch der Nürnberger Mittelstürmer konnte auch noch einen eigenen Treffer feiern. In der 85. Minute nutze er einen Fehler von Schalke-Keeper Mellage zur Entscheidung: 2:0. Der junge Club-Trainer Dr. Richard Michalke telegraphierte nach dem Spiel an seinen Vorgänger nach Ungarn: „Lieber Alfred [Schaffer], das war dein Sieg!“.
Nachdem die Schalker im Sommer 1936 im Halbfinale um die deutsche Meisterschaft erneut am späteren Meister aus Nürnberg scheiterten, wollte man das Jahr mit dem Pokalsieg zumindest versöhnlich gestalten, auch wenn das Finale erst am 3. Januar 1937 ausgetragen wurde (auf Grund der olympischen Spiele in Berlin). Der Gegner, der VfB Leipzig, schien kein wirklich herausfordernder Kontrahent zu sein. Der erste deutsche Meister war mit drei Meistertiteln (1903, 1906, 1913) und drei weiteren Finalteilnahmen (1904, 1911, 1914) zwar der dominiernde Verein vor dem Krieg gewesen, spielte aber danach – sogar in der sächsischen Liga – nur noch eine untergeordnete Rolle. Im Laufe des Pokal-Jahres zeigte sich das Team von Trainer Heinz Pfaff jedoch immer souveräner und konnte sich bis ins Finale nach Berlin spielen.
Die eingefleischten VfB-Kenner unter den knapp 70.000 Zuschauern mögen sich etwas gewundert haben, als sie auf Linksaußen Herbert Gabriel entdeckten. Der 25-jährige, für den der Trainer am Tag nach Weihnachten extra ein „Befähigungsspiel“ angesetzt hatte, lief im Pokalfinale zum ersten Mal für die Sachsen auf. Und schnell zeigte die Maßnahme von VfB-Coach Pfaff Erfolg: Nach dem überraschenden 1:0 durch Jacob May (21.) gelang Gabriel der „Schuß seines Lebens“, als er Schalke-Torhüter Mellage mit einem Schlenzer aus etwa 18 Meter Torentfernung mit links überwinden konnte (32.). Schalke schaffte zwar noch vor der Pause den Anschluss durch Kalwitzki (42.), ihnen gelang es in der zweiten Halbzeit aber nicht mehr den Leipziger Keeper „Bruni“ Wöllner zu überwinden, der – nach Angaben seiner Mannschaftskollegen – am Abend vor dem Spiel, entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten, „Wein, Weib und Gesang links liegenließ“.
Auch in der dritten Ausgabe des Tschammerpokals schaffte es der FC Schalke 04 bis ins Finale. Auf Grund der Vorjahrespleiten waren die Prognosen vor dem Spiel aber etwas verhaltener; und das, obwohl die Schalker 1937 als amtierender Deutscher Meister (nach einem 2:0-Finalerfolg über Nürnberg) zum Pokalfinale nach Köln anreisten. Gegner dort war Fortuna Düsseldorf. Die Rheinländer waren als Deutscher Meister von 1933 und Vizemeister 1936 kein wirklicher Außenseiter. Außerdem bestand die Elf um den langjährigen Rekordnationalspieler Paul Janes am 9. Januar 1938 aus nicht weniger als acht (!) deutschen Nationalspielern (neben Torwart und Kapitän Willibald Pesch, der zwar nie für die Nationalmannschaft spielte, aber fünf Mal im Kader stand waren das Janes, Mehl, Bender, Albrecht, Wigold, Heibach, Zwolanowski und Kobierski).
In der ersten Halbzeit neutralisierten sich beide Teams. Ein Doppelschlag nach der Pause durch Szepan (46.) und Kalwitzki (47.) entschied das Spiel zu Gunsten der Knappen. DFB-Kapitän Paul Janes konnte kurz vor Schluss (83.) mit einem Handelfmeter nur noch verkürzen. Damit feierte Schalke neben dem ersten Pokalsieg auch das erste „Double“ im deutschen Fußball. Ein Erfolg, der, ähnlich wie die 3 DFB-Pokalfinalteilnahmen in Folge, über 30 Jahre lang unerreicht bleiben sollte.
An der Pokalrunde 1938 (die am 8. Januar 1939 wieder im neuen Jahr beendet wurde) durften auch österreichische Teams teilnehmen. Die Annexion Österreichs bedeutete für die deutschen Teams durchaus starke Konkurrenz. In Kontinentaleuropa war die Alpenrepublik – zusammen mit den „Schwesterstaaten“ Ungarn und Tschechoslowakei – bis in die 30er Jahre führend. Das manifestierte sich auch im so genannten Mitropa-Pokal (einer Art Vorläufer des Europa-Cups), in dem ab Anfang/Mitte der 30er Jahre auch Italien gute Resultate erzielte, dessen Nationalmannschaft seitdem den außerbritischen Fußball dominierte (Weltmeister 1934 und 1938, Olympiasieger 1936). Bis zur Auflösung der eigenen Meisterschaft begegneten sich die österreichischen (sprich: wienerischen) Teams mit den italienischen allerdings auf Augenhöhe.
Deshalb war es nicht überraschend, dass sich sofort zwei österreichische Mannschaften für das DFB-Pokalhalbfinale qualifizierten. Während der Wiener Sport-Club unglücklich mit 2:3 beim FSV Frankfurt verlor, setzte sich Rapid Wien mit 2:0 überzeugend gegen den Club aus Nürnberg durch. Das Finale fand zum zweiten Mal in Berlin statt. Für Rapid-Trainer Leopold Nietsch war nicht der Gegner sondern das Wetter das größte Problem: „Wir fürchten nicht Frankfurt, sondern nur den Schnee.“ Dieser führte auch dazu, dass nur 40.000 Zuschauern Platz gemacht werden konnte. In der 17. Minute brachte Mittelstürmer Dosedzal den FSV aus Frankfurt mit einem strammen Kopfball in Führung. Lange Zeit sah es nach dem einzigen Tor der Partie aus. Doch die mitgereisten Rapid-Anhänger konnten immer noch auf die letzten 15 Minuten, die sogenannte „Rapid-Viertelstunde“ hoffen. Und das nicht vergebens: Schors (80.), Hofstätter (85.) und „Bimbo“ Binder (90.) drehten das Spiel kurz vor dem Ende.
Das Pokalfinale 1939 fand am 28. April 1940 statt (womit das Jahr 1940 das einzige ist, in dem 2 Pokalendspiele ausgetragen wurden). Diese extreme Verzögerung erklärt sich durch den Ausbruch des zweiten Weltkrieges und der anschließenden Umstellung des Fußballs auf den „Kriegskalender“. Im Halbfinale setzte sich der im Vorjahr bereits sehr starke SV Waldhof gegen Wacker Wien per Losentscheid durch. Nach dem 1:1 n.V., dem 2:2 n.V. im Wiederholungsspiel und dem 0:0 n.V. im zweiten Wiederholungsspiel war das pure Glück ausschlaggebend. Das andere Halbfinale gewann der 1. FC Nürnberg beim Titelverteidiger Rapid Wien knapp mit 1:0. Die jungen „Waldhof-Buben“ aus Mannheim können in der ersten Halbzeit des Finales, das vor 60.000 Zuschauern erneut in Berlin ausgetragen wird, gut mithalten. Doch kurz vor der Pause (45.+1) bringt „Muckl“ Eiberger den Club in Führung. In der zweiten Halbzeit verwalten die Nürnberger ihren Vorsprung souverän und nachdem Eiberger (85.) einen weiteren Treffer folgen lässt ist das Spiel entschieden. Der Club ist der erste Verein, der den deutschen Pokal zum zweiten Mal gewinnt.
Die erfolgreichsten Vereine der ersten fünf Pokal-Spielzeiten waren der 1.FC Nürnberg und der FC Schalke 04. In meiner persönlichen Top-11 des DFB-Pokals zwischen 1935 und 1939 finden sich außerdem noch Spieler von den damals ebenfalls sehr starken Teams Rapid Wien und Fortuna Düsseldorf:
Rudi Raftl (Rapid Wien) – Paul Janes (Fortuna Düsseldorf), Willi Billmann (1. FC Nürnberg) – Rudi Gellesch (FC Schalke 04), Fritz Szepan (FC Schalke 04), Heinz Carolin (1. FC Nürnberg) – Ernst Kalwitzki (FC Schalke 04), Muckl Eiberger (1. FC Nürnberg), Franz Binder (Rapid Wien), Ernst Kuzorra (FC Schalke 04), Stanislaus Kobierski (Fortuna Düsseldorf).
Autor: A. Arens.
sportzumsonntag am 24. Januar 15
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