Wer zur Hölle ist...? ...Tommy Ingebrigtsen (Teil 2)
Die Saison 2003/04 verlief für Tommy Ingebrigtsen nochmal sehr erfolgreich. In einem überragenden norwegischen Team, das die Nationenwertung mit 1000 Punkten Vorsprung auf Finnland gewann (deren 4000 Punkte allein zu Hälfte von Janne Ahonen und Matti Hautamäki ersprungen wurden), stach er allerdings nicht heraus. Vierschanzentournee-Sieger Sigurd Pettersen, Skiflug-Weltmeister Roar Ljökelsöy – der den Gesamtweltcupsieg nur um 10 Pünktchen verpasste – und Björn-Einar Romören gewannen insgesamt 13 von 23 Einzelspringen, Ljökelsöy allein sieben. Ingebrigtsen konnte lediglich eine Podestplatzierung feiern (Dritter von der Olympiaschanze in Park Ciy) – seine letzte in einem Einzelspringen. Er siegte aber mit den drei oben erwähnten Mannschaftskollegen in beiden Teamspringen der Saison. Konstant gute Leistungen – wie in den Jahren 1999 bis 2001 – bescherten Ingebrigtsen 526 Punkte (Karrierebestwert) und damit wiederum Platz 11 im Gesamtweltcup. So reiste er – wie schon 4 Jahre zuvor – als Mitfavorit zur Skiflug-WM, die dieses Mal auf seiner Lieblingsschanze in Planica stattfand. Mit seinem ersten Flug schockte Ingebrigtsen die Konkurrenz; bei geringem Anlauf schaffte er 204,5 Meter. Damit lag er nach dem ersten Durchgang in Führung. Diese vergab er aber mit einem schwachen zweiten Sprung, der ihn auf den fünften Rang zurückfallen ließ. Trotz guter Flüge am zweiten Tag verpasste Ingebrigtsen die Bronzemedaille wieder sehr knapp und wurde Fünfter – 5,8 Punkte hinter dem Dritten. Selbstverständlich wurde Ingebrigtsen gemeinsam mit Romören (6.), Pettersen (9.) und Einzel-Weltmeister Roar Ljökelsöy für den Team-Wettkampf nominiert, in dem man Finnland (mit den Medaillengwinnern Ahonen und Tami Kiuru sowie den siebt- und achtplatzierten Matti Hautamäki und Veli-Matti Lindström) auf den zweiten Platz verwies. Im ersten Teamwettbewerb bei einer Skiflug-WM überhaupt gewann Norwegen mit Ingebrigtsen also Gold. Dieses norwegische Skiflug-Team gilt als das vielleicht beste aller Zeiten: Ingebrigtsen und Romören waren über einen längeren Zeitraum Weltrekordhalter, Roar Ljökelsöy wurde 2004 und 2006 Skiflug-Weltmeister und Sigurd Pettersen gewann in jener Saison die Vierschanzentournee.
Am Ende der Saison, 2004 war es das sogenannte Nordic Tournament, dominierte das norwegische Team nach Belieben, insbesondere Roar Ljökelsöy (2x1., 2x2. in vier Einzelspringen) und Björn-Einar Romören (2x1., 1x2., 1x3.), die in der Gesamtwertung die Plätze eins und zwei belegten. Ingebrigtsen verpasste als Gesamt-Fünfter (2x4., 1x7., 1x8.) hinter Simon Ammann und Janne Ahonen ein rein norwegisches Podium nur knapp.
In der Saison 2004/05 schaffte Tommy Ingebrigtsen sehr regelmäßig den Sprung in den zweiten Durchgang, die Top-Platzierungen blieben aber aus. Im Gesamtweltcup belegte er am Ende den 25. Rang und war damit nur sechstbester Norweger. Deshalb kam Ingebrigtsen bei der nordischen Ski-WM 2005 in Oberstdorf nicht zum Einsatz. Auch in den Teamspringen des Weltcups wurde Ingebrigtsen in diesem Jahr nicht berücksichtigt.
Anders sah das in seiner letzten Saison als A-Kader-Athlet, 2005/06, aus. In Lahti erreichte er gemeinsam mit Ljölelsöy, Romören und dem neuen Olympiasieger Lars Bystöl als Zweiter nochmal auf ein Weltcup-Podium. Obwohl er 2005/06 weniger Punkte sammelte als im Jahr zuvor und als 23. auch nur unwesentlich besser in der Endabrechnung des Weltcups platziert war, wurde er in jener Saison auch wieder bei den Großereignissen eingesetzt. Zunächst bei der Skiflug-WM in Bad Mitterndorf, wo er im Einzel Zwölfter wurde und damit seine Skiflug-Fähigkeiten erneut unter Beweis stellte; Landsmann Roar Ljökelsöy verteidigte seinen Titel. Zusammen mit Björn-Einar Romören und Lars Bystöl wollten Ljökelsöy und Ingebrigtsen Gleiches auch im Teamwettbewerb tun. Dieses Mal galt im Vorfeld zwar Österreich als Top-Favorit, im Wettkampf zeigten jedoch alle Norweger sehr starke Flüge und gewannen damit erneut – dieses Mal deutlich – Gold vor Finnland.
Nach diesem Erfolg wurde Ingebrigtsen auch mit zu den Olymischen Spielen 2006 nach Turin genommen. In den Einzelwettbewerben konnte er nicht auf sich aufmerksam machen, wurde aber dennoch, gemeinsam mit den anderen Skiflugweltmeistern, für das Teamspringen nominiert. Nach dem Olympiasieg von Lars Bystöl und zwei weiteren Einzelmedaillen durch Bystöl und Ljökelsöy galt Norwegen als (Mit-)Favorit. Am Ende wurde es zwar nicht das erhoffte Gold, aber Bronze bedeutete für Ingebrigtsen zum Abschluss seiner Karriere doch noch die ersehnte Olympia-Medaille. 2006/07 schaffte er den Sprung in den norwegischen A-Kader nicht mehr und trat nach der Saison zurück.
Obwohl Tommy Ingebrigtsen keinen Weltcupsieg im Einzel erringen konnte und dementsprechend auch nie unter den ersten zehn im Gesamtweltcup landete (er wurde dreimal Elfter), gewann er den Weltmeistertitel von der Großschanze (1995) und wurde Vizeweltmeister von der Normalschanze (2003). Seltsamerweise gelangen ihm diese Erfolge in eigentlich schwachen Weltcup-Saisons, während er in guten Jahren (1999 bis 2001 und 2004) eher Pech bei den Großereignissen hatte – insbesondere in seiner Spezialdisziplin, dem Skifliegen. Bei der WM 2000 und der WM 2004 verpasste er als Vierter und Fünfter eine Einzelmedaille denkbar knapp, jeweils um nur etwa fünf Punkte. Dafür werden seine 219,5 Meter vom 20. März 1999 für immer der weiteste Flug des 20. Jahrhunderts, gar des vorherigen Jahrtausends, bleiben. Exakt 6 Jahre später war Ingebrigtsen für einige Minuten nochmal Weltrekordler, bevor Björn-Einar Romören ihm diesen „Titel“ entriss. Ingebrigtsens 231 Meter vom 20. März 2005 in Planica, bleiben aber sein persönlicher Rekord.
Die beste Platzierung in der Gesamtwertung der Vierschanzentournee gelang ihm 2000/01 als Zehnter. Der vierte Rang in Innsbruck (hinter Malysz, Ahonen und Kasai) 2001 war zugleich das beste Tournee-Einzelergebnis. Besser lief es beim skandinavischen Pendant, dem Nordic Tournament. Hier verpasste er als Fünfter 2004 das Podest in der Gesamtwertung und in den Einzelspringen nur knapp. Dieses erreichte er dafür in der Spezialwertung des Skiflug-Weltcups (Dritter 1999/00). Ansonsten hielt sich Ingebrigtsen während seiner Weltcup-Karriere – zwischen 1993 und 2007 – meist fernab vom Podium auf. Lediglich fünf Podestplätze in 14 Jahren stehen in der Statistik: Dritter in Zakopane (1999) und bei den Skifliegen am Kulm (2000) und in Planica (2001). Hinzu kommen mit dem zweiten Platz in Iron Mountain (2000) und dem dritten in Park City (2004) zwei Top-Ergebnisse in den USA. Insbesondere das Resultat von Park City zeigte sein Potenzial auf der Olympiaschanze von 2002, doch leider war er ausgerechnet in jener Olympiasaison gar nicht in Form.
Die einzigen Weltcupsiege feierte Ingebrigtsen in Teamspringen. Insgesamt drei erreichte er in den Jahren 2001 und 2004. Hinzu kommen zwei zweite Ränge. Fast genauso viele Podiumsplätze mit der norwegischen Mannschaft erreichte er bei Großereignissen. Die ersten zwei Goldmedaillen bei Skiflug-Weltmeisterschaften überhaupt (2004 und 2006) holte sich Ingebrigtsen mit seinen Teamkollegen Roar Ljökelsöy, Björn-Einar Romören, Sigurd Pettersen (nur 2004) und Lars Bystöl (nur 2006). Außerdem komplettierte er mit Mannschafts-Bronze 2003 seinen Medaillensatz bei der nordischen Ski-WM und erreichte 2006 zum Abschluss seiner Karriere auch noch eine Olympiamedaille (ebenfalls Bronze).
Obwohl er sich nie zum Seriensieger und Star aufschwang bestimmte er in vielen Jahren das norwegische Skispringen – so wurde er insgesamt sechsmal nationaler Meister. Auf dem Zenit seiner Karriere zwischen 1999 und 2001 hätte ihm ein Top-Trainer, wie er ihn erst später mit Mika Kojonkoski bekam, vielleicht zu größeren Erfolgen geführt. Aber um das Jahr 2000 lag das norwegische Skispringen am Boden. Ingebrigtsen war zu jener Zeit der Einzige, der kleinere Erfolge für sich verbuchen konnte. Als das Team, vor allem Dank Kojonkoski, dann stärker wurde, war Ingebrigtsen bereits Mitte/Ende 20 und damit nicht mehr in der Lage sich großartig weiterentwickeln zu können. Sein Flugtalent reichte aber aus, um noch einige Medaillen mit einer dann sehr erfolgreichen norwegischen Mannschaft zu feiern.
Autor: Andreas Arens.
Für den 1. Teil von Ingebrigtsens sportlichen Werdegang unter Navigation auf Themen klicken. In der Rubrik Biographien gibt es den gesamten Text.
sportzumsonntag am 17. Februar 15
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