Wer zur Hölle ist...? ...Tommy Ingebrigtsen (Teil 1)
Tommy Ingebrigtsen (*08.08.1977 in Trondheim, Norwegen)
Er war nie ein Überflieger der Skisprung-Szene, aber – wenn man so will – dennoch bekannt wie einen bunter Hund. Denn mit seinem wehenden Zopf und der x-förmigen Anlaufposition war er ein außergewöhlicher Charakter.

Ingebrigtsens Karriere begann ziemlich vielversprechend. In der Saison 1993/94 kam er als 16-jähriger zu seinen ersten Weltcupeinsätzen und -punkten. 1994/95 erreichte er zwar keine Punkte-Platzierungen, dafür wurde er aber Anfang März 1995 Junioren-Weltmeister im schwedischen Gällivare. Dieser Sieg kam einigermaßen überraschend, verwies er doch den Gesamtweltcup-14. jener Saison und Sieger von Oberstdorf, Reinhard Schwarzenberger, auf den zweiten Rang. Nur auf Grund dieses Erfolges wurde Ingebrigtsen von den norwegischen Trainern für die nordische Ski-WM im kanadischen Thunder Bay nominiert. Im Wettbewerb von der Großschanze am 18. März ging er als einer der scheinbar chancenlosen Außenseiter an den Start. Doch bereits nach dem ersten Durchgang lag er vor Skisprung-Größen wie Andreas Goldberger oder Jens Weißflog in Führung. Im zweiten Durchgang gelang ihm dann wohl der Sprung seines Lebens auf 137 Meter, was 9 Meter (!) mehr als der Schanzenrekord von Goldberger waren. Damit verwies er den Österreicher mit 13 Punkten Vorsprung und Weißflog mit noch viel größerem Abstand auf die weiteren Plätze. Diese Leistung wurde in seinem Heimatland so hoch eingeschätzt, dass er 1995 die traditionsreiche Morgenbladet-Goldmedaille als Norwegens Sportler des Jahres überreicht bekam.

In der Folge konnte Ingebrigtsen aber das Talent, das er als 17-jähriger angedeutet hatte, nie wirklich auf die Schanze bringen. In den drei Saisons nach dem Weltmeistertitel belegte Ingebrigtsen die Ränge 57 und zweimal 48 im Gesamtweltcup. Erst 1998/99 konnte er sich erstmals konstant in den Top-10 platzieren und erreichte mit 512 Punkten den elften Rang in der Gesamtwertung. Am 16.1.1999 feierte er im polnischen Zakopane als Dritter seinen ersten Podestplatz im Weltcup. Es sollte der einzige in jenem Jahr bleiben. Zum Saisonabschluss in Planica gelang ihm dafür Außergewöhnliches: Nachdem der damals dominierende Skispringer, Martin Schmitt, bei seinem Sieg am 19. März mit 214,5 Metern einen neuen Skiflugweltrekord aufgestellt hatte, zeigte Ingebrigtsen einen Tag später, wo seine Stärken lagen - nämlich in der Luft. Das „Schleichen“ entlang des Hanges – auf Grund des schwachen Absprungs – war sein typischer Flugstil. Auf der damals größten Schanze der Welt, der Letalnica in Planica, kam das besonders zur Geltung. Ingebrigtsen überflog am 20. März den Rekord von Schmitt um 5 Meter und steigerte ihn somit auf 219,5 Meter.
Im Sommer 1999 bestätigte er diese Form mit dem neunten Gesamtplatz in der Grand Prix-Wertung. Auch 1999/2000 zeigte Ingebrigtsen ansprechende Leistungen und feierte mit einem zweiten Rang in Iron Mountain die beste Weltcup-Platzierung seiner Karriere. Am Ende standen 494 Punkte zu Buche, was Platz 13 im Gesamtweltcup bedeutete. Noch besser lief es in seiner Spezialdisziplin, dem Skifliegen. Im Skiflug-Weltcup belegte er am Ende den dritten Rang. Die Podiumsplatzierung in Bad Mitterndorf und die allgemein gute Form machten ihn zum Mitfavoriten für die Skiflug-Weltmeisterschaft 2000 im norwegischen Vikersund. Sie ging als die vielleicht chaotischste Veranstaltung dieser Art in die Geschichte ein. Weder am Samstag noch am Sonntag (die Skiflug-WM wird, im Gegensatz zu allen anderen Wettbewerben, in vier Wertungsdurchgängen an zwei Tagen entschieden) konnte ein Sprunglauf gewertet werden. Böige Winde, ein gebogener Schanzentisch, EDV-Probleme - an diesem Wochenende kam alles zusammen. Deshalb wurde die WM-Entscheidung auf Montag verschoben, wo nach 3 Durchgängen der Sieger gekürt werden sollte. Weltrekordhalter Ingebrigtsen zeigte sich vor heimischen Publikum zunächst nervös, steigerte sich aber von Flug zu Flug. Im letzten Durchgang erreichte er mit 187,9 Punkten das beste Ergebnis aller Wertungssprünge, in der Endabrechnung reichte das aber nicht mehr zu einer Medaille. Bronze hinter Weltmeister Sven Hannawald und Andi Widhölzl verpasste er als Vierter mit 4,5 Punkten Rückstand auf Janne Ahonen äußerst knapp.
Erfolgreich ging es im Sommer 2000 weiter. Erstmals seit Jahren konnte das norwegische Skisprung-Team wieder mit mannschaftlicher Geschlossenheit glänzen. Ingebrigtsen war als Achter (226 Punkte in acht Einzelspringen) im Grand Prix-Endstand bester seines Teams. Gleich zu Beginn des Winters 2000/01 bestätigte er diese Form. Als Schlussspringer der norwegischen Mannschaft sicherte er sich, gemeinsam mit Roar Ljökelsöy, Lasse Ottesen und Olav-Magne Dönnem, seinen ersten Weltcupsieg. Es war der erste Teamerfolg für Norwegen nach langer Zeit. Im weiteren Verlauf der Saison platzierte sich Ingebrigtsen wieder konstant in den Top-10, schaffte den Sprung aufs Podium aber nicht – bis zum letzten Springen in Planica. Auf seiner Lieblingsschanze in Slowenien flog er als Dritter endlich aufs Podest. In der Skiflug-Wertung kletterte er so noch auf Rang fünf, im Gesamtweltcup wurde er wieder Elfter.

Ausgerechnet in der Olympiasaison 2001/02 verlor Tommy Ingebrigtsen seine Form. So konstant gut wie in den Jahren 1999 bis 2001 sollte er auch nie wieder werden. Seine Glanzzeit hatte er also in exakt denselben Jahren wie Martin Schmitt. Im Gegensatz zum Deutschen, der 2002 noch vorne mitsprang, verlief die Olympiasaison für Ingebrigtsen und das gesamte norwegische Team desaströs. Bei Olympia erreichten die Skandinavier nicht mal den zweiten Durchgang des Teamspringens. Der beste Norweger im Gesamtweltcup war am Ende Roar Ljökelsöy als 35. (!); da war Ingebrigtsen mit seinem 43. Gesamtplatz gar nicht so weit von entfernt. Nur bei der Skiflug-WM im tschechischen Harrachov konnte Ingebrigtsen ansatzweise überzeugen. Als 14. wurde er erneut bester Norweger.
Nach diesem Katastrophenjahr übernahm der Finne Mika Kojonkoski das Traineramt in Norwegen. Er führte die Skandinavier in den nächsten Jahren zu beeindruckenden Erfolgen, leider war Ingebrigtsen aber nicht mehr die Nummer 1 im Team. Roar Ljökelsöy, Sigurd Pettersen und Björn-Einar Romören zogen schon in der Saison 2002/03 klar an ihm vorbei; im Gesamtweltcup erreichte er mit 150 Punkten nur den 35. Rang. Auf Grund der vorangegangenen Jahre wurde Ingebrigtsen von Kojonkoski trotzdem für die nordische Ski-WM 2003 im Val di Fiemme nominiert. Und das zahlte sich für beide Seiten aus: Im Einzel von der Großschanze wurde Ingebrigtsen überraschend Vierter. Damit verdrängte er Roar Ljökelsöy aus dem Team, das einen Tag später mit Ingebrigtsen, Romören, Pettersen und Lars Bystöl die Bronzemedaille ersprang. Anschließend wurde Tommy Ingebrigtsen auch für den Wettbewerb von der Normalschanze nominiert. Diese lag ihm eigentlich überhaupt nicht, denn an Absprungkraft, die auf der Normalschanze elementar ist, mangelte es ihm Zeit seiner Karriere. Um so überraschender war seine Performance. Ingebrigtsen musste sich nur dem überragenden Adam Malysz geschlagen geben und holte sich die Silbermedaille. Insgesamt war Ingebrigtsen hinter Malysz und Noriaki Kasai der drittbeste Springer der Titelkämpfe 2003. Mit den beiden Medaillen komplettierte er zudem seinen WM-Medaillensatz (nach dem sensationellen Einzel-Gold 1995).

Autor: Andreas Arens