80 Jahre DFB- Pokal (Zweiter Teil): 1940 bis 1943
Trotz des Ausbruches des Zweiten Weltkrieges wurde in den meisten europäischen Ligen – mit Ausnahme der Profiliga in England – der Spielbetrieb aufrecht erhalten. Auch im Tschammer-Pokal (früherer Name des DFB-Pokals) wurden bis 1943 Sieger gekürt.
Im Spieljahr 1940 (die Jahre 1935 bis 1939 findet ihr im ersten Teil dieser Reihe*) startete der 1. FC Nürnberg als Titelverteidiger; der Club schaffte auch in jenem Jahr den Sprung ins Halbfinale. Mit Nürnberg, Fortuna Düsseldorf, Rapid Wien und dem Dresdener SC standen sich dort die – hinter Schalke 04 – besten Mannschaften des Deutschen Reiches gegenüber. Der DSC besiegte Rapid mit 3:1, der Club gewann in Düsseldorf mit 1:0.
60.000 bis 65.000 Zuschauer warten am 1. Dezember 1940 im Berliner Olympiastadion auf die beiden Finalisten, während diese sich hinter den Kulissen schon die erste Auseinandersetzung liefern. Beide Teams laufen normalerweise in rot-schwarzen Trikots auf und Keiner will im Finale auf seine gewohnten Farben verzichten. Am Ende tritt der DSC in weiß, die Nürnberger in komplett rot an.
Ein besonderes Spiel ist es für Willi Kund, der erstmals seit seiner Rückkehr zum Club auf seine alten Mitspieler aus Dresden trifft. Wie alle Anderen hat auch er mit den widrigen Platzverhältnissen zu kämpfen. Der Frost hat den Rasen des Olympiastadions fast unbespielbar gemacht. Mittelstürmer Fritz Machate bringt den DSC in der 20. Spielminute in Führung, Rechtsaußen Karl Gußner gleicht in der 32. für den FCN aus. Bei dem 1:1 bleibt es bis zu Abpfiff, also Verlängerung: In der 94. Minute fasst sich der Dresdener Heiner Schaffer ein Herz. Obwohl der Halbrechte eher als Techniker, denn als Gewaltschütze bekannt ist, hält er aus rund 30 Metern einfach mal drauf, Club-Torwart Köhl rutscht weg und erreicht den Flatterball nicht mehr. 2:1 – der Dresdener SC holt damit seinen ersten großen Titel im deutschen Vereinsfußball und darf sich fortan Pokalsieger nennen. Für die siegreichen Spieler gibt es eine besondere Belohnung: ein ganzes Pfund Kaffee, in Kriegszeiten besonders begehrt.
Auch im Finale 1941 stehen klangvolle Namen jener Zeit. Dieses Mal bekommen es die Dresdener mit dem FC Schalke 04 zu tun. Gegen den Schalker Kreisel, DIE deutsche Mannschaft zwischen 1933 und 1945, will der DSC Revanche für das verlorene Meisterschaftsfinale der Saison 1939/40 nehmen, als man unglücklich mit 0:1 unterlag. Um das zu verhindern verordnet Trainer Georg Köhler seinem Team eine konsequente Manndeckung der Schalker Stars Szepan und Kuzorra.
Zunächst setzen die Dresdener Abwehrspieler die Vorgaben des Trainers um und gehen durch Heiner Kugler bereits in der achten Minute in Führung.
Dann kommt Ernst Kuzorra aber besser ins Spiel. Nach seinem Traumpass trifft der erst 20-jährige Linksaußen Karl Barufka ins Tor. Der Treffer wird auf Grund von Barufkas Abseitsstellung allerdings nicht gegeben. Kurz nach dem Wiederanpfiff zeigt Kuzorra erneut seine Klasse und erzielt den Ausgleich. In der Folge haben beide Mannschaften Möglichkeiten, das Spiel zu gewinnen, Linksaußen Gustav Carstens gelingt in der 88. Spielminute der Siegtreffer für den Titelverteidiger.
1942 wollten die Schalke die Finalniederlage des vergangenen Jahres wiedergutmachen. Gegner vor 75.000 Zuschauern in Berlin war der TSV München von 1860. Dieser war durch die Pokalrunde gestürmt: Unglaubliche 36 Treffer erzielten die Mannen von Trainer Dr. Max Schäfer in den vorherigen fünf Begegnungen, allein 13 (!) davon der polnisch-deutsche Star-Stürmer Ernst Willimowski. Auch Ludwig Janda (8) und der Westfale Heinz Krückeberg (7) zeigten ihre Torjägerqualitäten. Die Schalker hätten also gewarnt sein müssen, doch die erfolgsverwöhnten Gelsenkirchener kassierten bei der achten Austragung dieses Wettbewerbs bereits ihre vierte Final-Niederlage und konnten – nach dem Meistertitel 1941/42 – kein zweites Double nach 1937 feiern.
Damit war die große Schalker Zeit dann auch vorbei. Nach 1942 erreicht der S04 vorerst kein Finale mehr.
80 Minuten lang macht Schalke das Spiel, „Sechzig“ hält dagegen. Einen Konter über Regisseur Janda und Torjäger-Duo Willimowski/Krückeberg vollendet Ernst Willimowski (Nationalspieler für Polen und das Deutsche Reich) zum 1:0 für die Münchener. In der 88. beendet Linksaußen Engelbert Schmidhuber endgültig alle Schalker Double-Träume.
Der 2:0-Sieg war auch dem Trainer, Dr. Schäfer, zu verdanken. „Fußball-Professor“ wurde der einmalige Nationalspieler (1934) genannt, der die Löwen zwischen 1937 und 1943 als Spielertrainer betreute. Der andere Erfolgsgarant war „Torfabrik“ Ernst Willimowski: Unfassbare 14 mal traf er in der Pokalsaison 1942 in lediglich vier Spielen. Auch seine internationale Quote lässt sich sehen. Zwischen 1934 und 1942 erzielte er in insgesamt 30 Länderspielen für Polen (22/21) und Deutschland (8/13) 34 Tore.
Das Finale 1943 war das letzte, das unter dem Namen Tschammer-Pokal ausgetragen wurde. Die Halbfinalspiele verliefen durchaus überraschend. Der Luftwaffen-Sport-Verein Hamburg, der während seiner äußerst kurzen Existenz auch das Meisterschaftsfinale 1944 erreichen sollte, schaltete den deutschen Meister von 1943 und 1944, den Dresdener SC aus, während der 1st Vienna Football-Club aus Wien Schalke mit 6:2 vom Platz fegte.
Das Finale, das in jenem Jahr vor etwa 45.000 Zuschauern in Stuttgart stattfindet, wird ebenfalls torreich. 3:2 heißt es am Ende für die Vienna, für die mit Richard Dörfel und Rudi Noack zwei Hamburger auflaufen – beim LSV Hamburg ist hingegen nur ein Spieler (Karl Miller) auf dem Feld, der aus der Hansestadt stammt. Anführer der Wiener Offensive ist der Lieblingsschüler von Bundestrainer Sepp Herberger, Karl Decker. Der Torschützenkönig des diesjaährigen Wettbewerbs erzielt kurz nach der Pause auch den Ausgleich für die Vienna (49.). Kurz darauf bringt Rudi Noack sein Team in Führung (53.). Doch der mit Topspielern wie Ludwig Janda oder Reinhold Münzenberg bestückten Militärtruppe aus Hamburg gelingt der Ausgleich und erzwingt damit die Verlängerung. Erneut ist es der gebürtige Hamburger (bzw. Harburger) Rudi Noack (113.), der gegen seine Heimatstadt trifft und den Wienern damit den Pokalsieg sichert.
Gerade dieses Finale (mit etlichen „Gastspielern“in den jeweiligen Teams bzw. überhaupt mit der Existenz des LSV Hamburg, der Verlegung des Finales nach Stuttgart und vieler weiterer Unwägbarkeiten) beweist die Fragwürdigkeit von Fußballspielen während eines grausam tobenden Krieges. Dennoch ehrte der DFB die überlebenden Vienna-Spieler, deren Verein die Pokaltrophäe über die Kriegs- und Nachkriegsjahre bewahrt und anschließend an den DFB übergeben hatte, 1969 mit der goldenen DFB-Medaille. Alles in allem sind die Jahre 1938 bis 1944 ein ziemlich fragwürdiges Kapitel in der Historie des Deutschen Fußball Bundes, das bisher nie wirklich aufgearbeitet wurde.
Am 16. März 1941 fand übrigens der erste inoffizielle deutsche Supercup statt. Der Pokalsieger von 1940, der Dresdener SC, schlug den Deutschen Meister 1939/40, den FC Schalke 04, mit 4:2. Erst 1977 sollte es die zweite Auflage eines derartigen Pokals geben (ab 1987 offiziell als DFB-Supercup).
Man könnte den Tschammer-Pokal, wie der deutsche Pokal zunächst offiziell hieß, als „Nazierfindung“ bezeichnen – Gründer und Namensgeber Hans von Tschammer und Osten war „Reichssportführer“ im NS-Regime. Trotz der Fragwürdigkeit dieses Wettbewerbs, insbesondere seit der „Angliederung“ Österreichs, und der Propaganda, die zum alljährlichen Finale in Berlin veranstaltet wurde, bot der Pokal auch schon zu dieser Zeit spannende und faszinierende Fußballspiele mit tollen Mannschaftsleistungen und/oder überragenden Einzelspielern. Deshalb habe ich auch für die Jahre 1935 bis 1943 ein „Allstar-Team“ zusammengestellt:
A-Team:
1 Willi Kreß (Dresdener SC) – 2 Paul Janes (Fortuna Düsseldorf), 3 Willi Billmann (1. FC Nürnberg) – 4 Rudi Gellesch (FC Schalke 04), 5 Fritz Szepan (FC Schalke 04), 6 Helmut Schubert (Dresdener SC) – 7 Ernst Kalwitzki (FC Schalke 04), 8 Muckl Eiberger (1. FC Nürnberg), 9 Franz Binder (Rapid Wien), 10 Ernst Kuzorra (FC Schalke 04), 11 Helmut Schön (Dresdener SC).
B-Team:
1 Georg Köhl (1. FC Nürnberg) – 2 Karl Miller (Dresdener SC/Hamburg), 3 Hans Bornemann (FC Schalke 04) – 4 Herbert Pohl (Dresdener SC), 5 Walter Dzur (Dresdener SC), 6 Heinz Carolin (1. FC Nürnberg) – 7 Heiner Schaffer (Dresdener SC), 8 Karl Decker (1st Vienna FC), 9 Ernst Poertgen (FC Schalke 04), 10 Ernst Willimowski (TSV München 1860), 11 Rudi Noack (1st Vienna FC).
Meiner persönlicher „MVP“ des deutschen Pokals der Jahre 1935 bis 1943 ist Helmut Schön. Der spätere Bundestrainer wurde zwischen 1937 und 1941 zwar regelmäßig für die Nationalmannschaft nominiert, konnte sich auf Grund von Verletzungen aber nie als Stammspieler etablieren. Nach einer 2:4-Niederlage gegen Schweden wurde er von seinem Vorgänger Sepp Herberger nie wieder berufen, anschließend wurde ein kritisches Verhältnis der Beiden dafür verantwortlich gemacht.
Der ruhige und besonnene Schön äußerte sich dazu nie, zeigte bei seinem Dresdener SC aber weiterhin starke Leistungen. Nachdem er 1938 bester, 1937 bereits drittbester, Torschütze im Tschammer-Pokal war, konnte er 1940 und 1941 mit seinem Team den Titel erringen. Danach wurde er 1943 und 1944 Deutscher Meister. Das Meisterschaftsfinale 1940 verlor er mit dem DSC gegen Schalke, dafür revanchierten sich die Dresdener im einzigen Supercup-Spiel jener Zeit mit einem 4:2 über den S04 1941.
Überblick:
Finalspiele:
1935 1.FC Nürnberg – FC Schalke 04 2:0
1936 VfB Leipzig – FC Schalke 04 2:1
1937 FC Schalke 04 – Fortuna Düsseldorf 2:1
1938 Rapid Wien – FSV Frankfurt 3:1
1939 1. FC Nürnberg – Waldhof Mannheim 2:0
1940 Dresdener SC – 1. FC Nürnberg 2:1 n.V.
1941 Dresdener SC – FC Schalke 04 2:1
1942 TSV München 1860 – FC Schalke 04 2:0
1943 1st Vienna FC – LSV Hamburg 3:2 n.V.
Torschützenkönige:
1935 Ernst Kuzorra (FC Schalke 04)
1936 Ernst Poertgen (FC Schalke 04)
1937 Kurt Männer (BC Hartha [in Sachsen])
1938 Helmut Schön (Dresdener SC)
1939 Franz Binder (Rapid Wien)
1940 Fritz Machate (Dresdener SC)
1941 Edmund Conen (Stuttgarter Kickers)
1942 Ernst Willimowski (TSV München 1860)
1943 Karl Decker und Rudi Noack (beide 1st Vienna FC)
Autor: Andreas Arens.
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sportzumsonntag am 26. Februar 15
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