Wer zur Hölle war...?...Walther Bensemann (Teil 2)
Bensemann schien in England heimisch geworden zu sein, nur noch selten besuchte er alte Bekannte in seinem Geburtsland. Ausgerechnet im Sommer 1914 hielt er sich aber in Deutschland auf, als – für ihn unerwartet – der erste Weltkrieg ausbrach. Dieser verhinderte eine Rückkehr auf die britischen Inseln und ließ Bensemann endgültig zum Pazifisten und Anti-Nationalisten werden. „Auf den Geburtsort eines Menschen kommt es so wenig an, wie auf den Punkt, von wo er in den Hades fährt,“ notierte er 1920 in Erinnerung an den Krieg.
Walther Bensemann erkannte früh eine gesellschaftliche Funktion im Fußball-Sport, wie seine Zeitungsartikel über die deutsch-englischen Fußballbeziehungen (1909 in der „Illustrierten Sportzeitung“) oder die soziale Rolle des Fußballs in England (1910 in der Schweizer „Sport“ erschienen) belegen. Seine journalistische Ader gewann nach seiner Rückkehr nach Deutschland auch endgültig die Oberhand und veranlasste ihn schließlich zur Gründung einer eigenen Fußball-Fachzeitschrift, die unter dem Namen „Kicker“ im Jahr 1920 erstmals erschien.
Der Beginn der journalistischen Tätigkeit war für Bensemann von enormen Schwierigkeiten geprägt. Nach mehreren, finanziell bedingten, Umzügen fand der „Kicker“ im Jahr 1926 seine endgültige Heimat in Nürnberg, wo er auch heute noch erscheint. Trotz Bensemanns teilweise kritischen – insbesondere gegenüber dem eigenen Verband (den DFB hatte er 1900 ebenfalls mitbegründet) - oder gar polemischen Leitartikeln, die er selbst „Glossen“ nannte konnte sich das Fachmagazin gegenüber der Konkurrenz etablieren, blieb während Bensemanns Zeit aber eines von vielen Fußball-Journalen. Erst seine Nachfolger, die den Stil des „Kicker“ dem Mainstream anpassten, machten die Zeitschrift zu dem auflagenstärksten deutschen Sportmagazin.
Bis zur Machtergreifung der Nazis 1933 blieb Walther Bensemann in Nürnberg, ehe er nach Montreux emigrierte. Hier, wo seine Leidenschaft für den Fußball entfacht worden war, den er bald zu seinem Lebensinhalt machte, verstarb Bensemann 1934 unbeachtet von der deutschen Öffentlichkeit. Vereinzelt wurde im Nachkriegsdeutschland der Versuch unternommen, Bensemanns Verdienste um den deutschen Fußball zu würdigen, auf großes Interesse, auch seitens des DFB, stießen sie nicht. Immerhin verleiht die „Deutsche Akademie für Fußball-Kultur“ aber seit 2006 den Walther-Bensemann-Preis für ein fußballerisches Engagement zu Gunsten der Völkerverständigung. Denn als diese verstand Bensemann seinen Sport von Beginn an, wie schon der Name seines ersten Karlsruher Clubs („International“) beweist.
In seinen Glossen und Kommentaren bezog Bensemann immer wieder dezidiert Stellung und sparte nicht an Kritik am nationalen Kleingeist der Deutschen. Dass er kein Blatt vor den Mund nahm, machte ihn zu einem durchaus unbequemen Zeitgenossen. Wiederholte Streitigkeiten mit Vereinsgenossen und häufige Wohnortswechsel waren die Folge. Doch egal wo er war, Bensemann schaffte es überall eine Unmenge an Jugendlichen für den Fußball zu begeistern. Er verstand seinen Pioniergeist beinahe missionarisch und propagierte dabei auch immer wieder die Internationalität seines Sports. Legt man sein erfolgreiches Wirken zu Grunde, muss Bensemann über ein unglaubliches Charisma verfügt haben, dass vor allem junge Akademiker animiert hat, seinem Beispiel zu folgen. Neben diesen ausgeprägten Charaktereigenschaften bewies er in den 1890er Jahren auch sein fußballerisches Talent auf dem Spielfeld und galt als einer der spielprägendsten Figuren jener Zeit in Deutschland (außerhalb von Berlin).
Er trat auch immer wieder als Scout, Manager und Trainer in Erscheinung, wenn er junge Talente entdeckte und diese zu seinem jeweiligen Spitzenteam lotste. So spielte er mit anderen Pionieren des deutschen Fußballs wie Gus Manning oder Ivo Schricker zusammen, die später, beeinflusst von Bensemann, auch als Sportfunktionäre von sich reden machten.
Weit mehr als seine Taten auf dem Spielfeld, machten ihn seine Leistungen für den Fußball abseits des Balles unsterblich. Walther Bensemann kann man mit Recht als „Gründungsvater“ des deutschen Vereinsfußballs bezeichnen. Zahllose Clubs im süddeutschen Raum rief er ins Leben, viele stellten, zumindest kurzzeitig, ein Spitzenteam. Auch bei Verbandsgründungen hatte Bensemann seine Finger im Spiel, zunächst auf regionaler Ebene (Südwestdeutschland). 1900 nahm er als Vertreter von insgesamt sechs Karlsruher und Mannheimer Vereinen an der Gründungsversammlung des Deutschen Fußball Bundes teil.
Damit war Bensemanns Engagement auf dieser Ebene beendet. Im Gegensatz zu Gus Manning oder dem engen Vertrauten Ivo Schricker, der später erster Generalsekretär der FIFA wurde, bewarb er sich nie für einen Funktionärsposten. Stattdessen musste Bensemann sich zunächst um seinen Unterhalt kümmern. Eher ungewollt, nämlich auch durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges bedingt, beendete er die Phase als Lehrer in Großbritannien um im journalistischen Bereich tätig zu werden. Dass er mit dem „Kicker“ eines der mittlerweile angesehensten Sportblätter der Welt gründete ist erstaunlich, wenn man sein äußerst geringes Startkapital und die fehlende Erfahrung in diesem Bereich berücksichtigt.
Fachlich war der „Kicker“ aber auch schon zu Bensemanns Zeiten über alle Zweifel erhaben. Dank seines umfangreichen Netzwerkes verfügte er beispielsweise schon damals über profunde Auslands-„Korrespondenten“, deren Spielberichte der Zeitung ein ganz eigenes Profil bescherten.
Der Name „Kicker“ scheint für Bensemann so etwas wie ein Kosewort für seine große Liebe Fußball gewesen zu sein. Nicht nur sein Magazin nannte er so, auch eine Großzahl seiner Vereinsgründungen trugen den Beinamen „Kickers“, der die Internationalität seines Sportes widerspiegeln sollte – insbesondere im Gegensatz zum „deutschen“ Turnen.
Denn das war der Sport, der von der deutsch-national gesinnten Öffentlichkeit propagiert wurde, während Fußball als „englische Modetorheit“ (noch einer der harmloseren Begriffe) diffamiert wurde. So ist Bensemanns Karlsruher Spitzname „Engländer in Narrentracht“ weniger als augenzwinkernder Seitenhieb, sondern tatsächlich als handfeste Beleidigung zu verstehen. Bensemann ließ sich von solchem Leumund allerdings nicht beeinflussen und stellte immer wieder auch die sozialpolitische Aufgabe des Fußballs heraus, den er dazu im Stande sah, den „klaffenden Gegensatz der Stände“ zu mildern und dem er attestierte „die Begriffe der Freiheit, der Toleranz, der Gerechtigkeit im inneren Sportleben, des Nationalgefühls ohne chauvinistischen Beigeschmack dem Auslande gegenüber zu wahren.“
Diese Aussagen tätigte Bensemann übrigens im Jahre 1900, also im selben Jahr, als auch der DFB sich konstituierte. Heute würde man die Sätze Bensemanns dort sicherlich unterschreiben, Zeit seines Lebens galt er dem Deutschen Fußball Bund aber als Quälgeist, der immer wieder den Finger in die Wunde legte. Das entsprach einfach seinem Charakter, den Zeitgenossen mit den Attributen Sprachgewandtheit, charmante Großspurigkeit, Streitlust und Tatendrang beschrieben. Kritisiert wurde Bensemann immer wieder für seine ausschweifenden Feierlichkeiten und seinen allzu lockeren Umgang mit Geld. In Erinnerung sollte Walther Bensemann aber als Pionier einer Idee des Fußballs als Mittel zur Völkerverständigung bleiben, die er 1930 im „Kicker“ nochmal herausstellte: „Der Sport ist eine Religion, ist vielleicht heute das einzige wahre Verbindungsmittel der Völker und Klassen.“
Autor: Andreas Arens.
sportzumsonntag am 09. März 15
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