Wer zur Hölle war...?...Walther Bensemann (Teil 1)
Walther Bensemann (*13.1.1873 in Berlin, +12.11.1934 in Montreux/Schweiz)
Was wäre aus dem deutschen Fußball ohne Walther Bensemann geworden? Vielleicht wäre Deutschland noch heute eine Turner-Nation, wenn Bensemann nicht so viel zur Popularisierung des Fußballs, insbesondere im süddeutschen Raum, beigetragen hätte.
Geboren wurde er im Berlin des deutschen Kaiserreiches als Sohn eines Bankiers mit jüdischem Glauben. Doch schon bald verschlug es Walther – eigentlich Walter, das „h“ fügte er später hinzu – und seine Familie gen Süden. Ab 1883 war er an einer englischen Privatschule im schweizerischen Montreux angemeldet. In der Schweiz war Association Football (wie der Fußballsport lange bezeichnet wurde, zur besseren Unterscheidung vom Rugby) genauso wie andere britische Sportarten, wie Cricket, Rugby oder etwas später auch der Bobsport, schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts populär. Das liegt vor allem in dem regen Geschäftsverkehr zwischen der Schweiz und dem britischen Königreich zu jener Zeit begründet. So wurden die Schweizer, neben den Niederländern und den Dänen, zu den ersten Pionieren des Fußballs auf dem Kontinent. Bis in die 20er Jahre waren Schweizer Fußballer noch sehr stark in der immer besser werdenden italienischen Liga beschäftigt und halfen so dem Fußball in einem Land auf die Beine, das kurze Zeit später den gesamten Kontinent in dieser Sportart dominieren sollte.
Im 19. Jahrhundert waren es aber immer noch viele eingewanderte Briten, die die Fußballclubs in der Schweiz prägten. Bereits im Jahre 1887, Walther war gerade 14 Jahre alt, gründete er mit Mitschülern seinen ersten von zahlreichen Fußballvereinen, den Footballclub Montreux, für den er, nach eigenen Angaben, auch als Sekretär tätig war. Kurz darauf verließ er mit seiner Familie die Schweiz und zog nach Karlsruhe, wo er seit September 1889 am Badisch-Großherzöglichen Lyzeum eingeschrieben war, das er 1892 mit dem Abitur in der Tasche verließ.
Schon bald nach seiner Ankunft in Karlsruhe suchte Bensemann nach Möglichkeiten seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Fußball-Spiel, zu frönen. Bis dahin war dieser Sport in Karlsruhe, wie im gesamten süddeutschen Raum, noch beinahe gänzlich unbekannt. Bensemann selbst berichtet, dass es vor seiner Ankunft gerade mal ein einziges Rugby-Spiel in Karlsruhe gegeben haben soll, das 1887 auf dem Exerzierplatz stattgefunden haben soll, der seitdem „Engländerplatz“ genannt wurde. Noch im September 1889 gründete Walther Bensemann dort den ersten Fußballverein Süd- deutschlands, den Karlsruher „International Footballclub“. Zunächst waren nur einige Gymnasiasten Mitglieder aber schon bald sollen 15 bis 20 Engländer beigetreten sein.
Bis zu diesem Zeitpunkt gab es sehr wenige Fußball-Clubs in Deutschland. Der erste war der „Dresden English Football Club“ 1874, der in den ersten zwanzig Jahren seiner Existenz weder ein Spiel, noch „ein Goal verloren“, also keinen Gegentreffer kassiert, haben soll. In den 1880er kam der Fußball in der Reichshauptstadt Berlin an, das sich schnell zum Zentrum der britischen Sportart entwickelte. Der wohl beste Berliner Club bis zum ersten Weltkrieg war die BTuFC Viktoria von 1889, der es auch als erster Mannschaft gelang die Dresdener zu besiegen. Bis 1890 gab es außer in Berlin nur noch in Hamburg relevante Vereinsgründungen (Germania 1887 und Hamburger FC 1888, die später zum Hamburger SV fusionierten).
Mit Hilfe von Walther Bensemann sollte sich dieses Bild in den kommenden Jahren etwas verschieben. Zwar blieb Berlin, insbesondere Dank einer Vielzahl von konkurrenzfähigen Clubs, das Herz des deutschen Fußballs, doch auch die neugegründeten Teams aus dem Südwesten konnten bald mit den besten Mannschaften des Landes mithalten.
Der zweite Verein, den Bensemann ins Leben rief war 1891 der Karlsruher Fußball-Verein, neben dem VfB Leipzig und der Berliner Viktoria der dominierende Fußball-Club in Deutschland bis zum ersten Weltkrieg. Nach internen Streitigkeiten beim I.F.C. trat Bensemann nur zwei Jahre nach dessen Gründung aus dem Verein aus und gründete einen neuen. Das erste „Lokalderby“ fand im Frühjahr 1892 statt, Bensemanns neuer KFV schlug seinen alten I.F.C. mit 1:0. Doch auch beim KFV, der 1893 bereits über 100 Mitglieder zählte, hielt es Bensemann nur kurz. Wiederum waren es interne Streitigkeiten, die Bensemann veranlassten seinen dritten Karlsruher Fußball-Club zu gründen. Dieses Mal nannte er ihn Karlsruher Kickers. Der Zusatz „Kickers“ sollte in der Folge zu Bensemanns Lieblingsbezeichnung werden und lebt auch heute noch in einigen süddeutschen Traditionsvereinen (z.B. Offenbach oder Stuttgart) weiter.
Die Karlsruher Kickers existierten zwar nur über einen Zeitraum von drei Jahren (1893 bis 1895), wurden in dieser Zeit aber zu einer legendären Fußball-Mannschaft und zum Vorbild zahlreicher süddeutscher Clubs. Bensemanns Anspruch, aus den Kickers die „Meistermannschaft“ des Kontinents zu formen, scheiterte vor allem an dem geringen Interesse internationaler Teams gegen die Karlsruher antreten zu wollen. Star der Kickers war Teenager Ivo Schricker aus Straßburg, das damals zum Deutschen Reich gehörte. Bensemann, der auch an der Gründung des Straßburger F.K. beteiligt gewesen war, lernte seinen späteren engen Vertrauten bei Besuchen im Elsaß kennen und gewann Schricker für seine Karlsruher Kickers. Wie andere Kickers spielte Schricker aber auch weiter für seinen Heimatverein und schoss beispielsweise beim 10:0-Sieg über den Karlsruher FV 1897 sieben Tore für sein Team.
Nach seinem Abitur 1892 begann Walther Bensemann mit dem Studium, das er allerdings in erster Linie zur Popularisierung des Fußballs nutzte. So blieb er auch nicht an einem Ort, sondern war wechselnd an den Universitäten von Lausanne, Straßburg, Freiburg und Marburg eingeschrieben. Dass er dabei sein Studium der englischen und französischen Philologie nicht besonders ernst nahm, unterstreicht der Verweis der Uni Freiburg von 1893, der ihm die Verführung von Schülern zu Fußball und Alkohol zu Last legt. Bensemann tingelte lieber durch süddeutsche Städte und war an zahlreichen Vereinsgründungen, insbesondere im Badischen und Hessischen, beteiligt.
Die Frankfurter Kickers sind dabei herauszuheben. Bensemann schnürte noch selbst die Stiefel für den Club, den er 1899 mitbegründet hatte. Am 9. Dezember 1900 erzielte er beispielsweise den Siegtreffer gegen die Hanauer Viktoria 1894. Eine Woche später gelang gar ein Sensationssieg über den Hanauer FC 1893, der zuvor jahrelang nicht mehr gegen ein Frankfurter Team verloren hatten. Fritz Becker von den Frankfurter Kickers gelangen im ersten offiziellen Länderspiel der DFB-Geschichte 1908 (3:5-Niederlage gegen die Schweiz) übrigens zwei Tore.
Nach mehreren Fusionen und Umbenennungen entstand aus den Frankfurter Kickers im Jahr 1920 die Frankfurter Eintracht. Auch bei der Gründung eines weiteren prominenten Vereins der heutigen Zeit hatte Walther Bensemann seine Finger im Spiel: In den Jahren 1897 und 1898 initiierte er eine Fußballabteilung beim MTV München, die sich im Jahr 1900 aus dem Hauptverein herauslöste und fortan unter dem Namen „Bayern München“ firmierte.
Bis zur Jahrhundertwende stand Bensemann regelmäßig selbst für seine Vereine auf dem Spielfeld, danach zwangen ihn Geldsorgen zur Ergreifung des Lehrerberufs, den er vor allem nutzte, um seine Schüler im Fußball zu unterrichten. Schon zuvor hatte er damit begonnen, Fußball-Artikel für Lokalzeitungen zu verfassen, die allerdings nur selten gedruckt wurden. Seine erste Sportlehrer-Stelle trat er in der Schweiz an, schon 1901 zog es ihn weiter nach Großbritannien. Zunächst war er als Präfekt und Lehrer für neue Sprachen an der schottischen Dollar Acadamy tätig, anschließend am Denstone-College in Staffordshire und an weiteren Schulen ehe er ab 1910 an der Birkenhead School in Liverpool – unter anderem als Sportlehrer – arbeitete.
Autor: Andreas Arens.
sportzumsonntag am 09. März 15
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