Die Winter-WM – eine Katar-strophe?
„Fußball kurz vor Weihnachten, wo gibt’s denn sowas?“, mag der deutsche Fußballfan sich gedacht haben, als die FIFA vor Kurzem bekannt gab, die Weltmeisterschaft 2022 in Katar im November und Dezember austragen zu wollen.
Die klimatischen Besonderheiten im Wüstenemirat am Persischen Golf standen schon seit der Vergabe der WM nach Katar in der Kritik. Damals waren allerdings einige der schärferen Gegner der jüngsten Entscheidung der Meinung, November und Dezember seien genau die richtigen Monate für diese WM; ohnehin bedeute ein großes Turnier im Juni, dass im Hochsommer eigentlich nie Punktspiele ausgetragen werden könnten, da die Spieler zu dieser Zeit im Urlaub oder in der Vorbereitung seien. Umso erstaunlicher ist es, dass sich jetzt Stimmen zu Wort melden, die einen erheblichen finanziellen Verlust der Vereine durch die Verschiebung befürchten. Warum das allerdings der Fall sein sollte, erschließt sich mir persönlich nicht: Wenn man die (dann natürlich kürzere) Sommerpause in die Hauptferienzeit legt, dürfte sich kaum ein Unterschied bei den Einschaltquoten bemerkbar machen, das Stöhnen der Fans, ob der allzu langen Pause würde auch noch entfallen.
Insgesamt ist es für Fußball-Anhänger in Europa, auch für mich, schwer nachzuvollziehen, dass eine Weltmeisterschaft nach Katar vergeben wird. Dabei halte ich es für durchaus fair eine WM auch mal in der Golfregion auszutragen, aber dann wäre doch wohl Saudi-Arabien die einzig logische Konsequenz gewesen; Katar ist aus meiner Sicht einfach zu klein und fußballerisch zu unbedeutend. Die Kritik, die in letzter Zeit aber geäußert wurde, schien mir weniger fundiert zu sein, als viel mehr Ausdruck des beleidigt-Seins. Das gilt insbesondere für den englischen Fußball-Verband, der sich im Zuge der Doppelvergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 ebenfalls beworben hatte. Aber auch in Deutschland werden teilweise Argumentationen geführt, die nicht immer kohärent sind. Der Punkt Korruption: Es ist sehr wahrscheinlich, dass schon seit langer Zeit die finanziellen Mittel den Ausschlag bei den WM-Entscheidungen der FIFA spielen, nicht zuletzt Deutschland 2006 wurde international oft angeführt. Auch wenn der Umstand der Bestechlichkeit an sich natürlich nicht zu tolerieren ist, sollte man sich gerade in Deutschland (aber auch in England, den USA, Brasilien, Japan etc.) vielleicht etwas zurückhalten. Selbst die Australier, die bisher keine WM bekommen haben, sollen bei ihrer Bewerbung massiv geschmiert haben.
Woher kommt diese allgemeine Negativ-Stimmung gegenüber Katar? Natürlich muss hier die Arbeitsrecht- und damit auch die Menschenrechtssituation angesprochen werden. Dass – die meist aus dem Ausland stammenden – „Arbeitskräfte“ ihre Pässe bei ihrem Arbeitgeber abgeben müssen und diesem damit hoffnungslos ausgeliefert sind, ist absolut inakzeptabel. Leider wird dieser Zustand immer nur am Rande angesprochen. Ich habe eher das Gefühl, dass bei mancher Kritik Ressentiments eine Rolle spielen: „Diese neureichen, arabischen Scheichs können sich auch alles kaufen...Wüstenstaat, was wollen die überhaupt...außerdem darf eine Fußball-WM eh nur in Europa oder Amerika stattfinden, selbst Russland ist ja schon zu viel...“
Vielleicht schließe ich das aber auch nur aus der übrigen Berichterstattung über nicht-westliche Länder in vielen deutschen Medien in letzter Zeit. Es ist vielleicht der drohende Verlust der Dominanz, der in der europäischen Öffentlichkeit wieder mehr rassistische Untertöne durchklingen lässt, ein Umstand den ich sehr bedauerlich finde. Nicht zuletzt dadurch kommt es nämlich zu solchen Auswüchsen wie den jüngsten „PEGIDA-Märschen“; das hat mit Katar am Ende nichts mehr zu tun.
Auch die Diskussion, dass der Weihnachtsfriede durch die Terminierung der Weltmeisterschaft gestört sei, ist doch etwas abstrus. Wie oft fanden am 22. oder 23. Dezember noch Liga- oder Pokalspiele statt! Außerdem ist es dann auch jedem persönlich überlassen, Prioritäten zu setzen. Bei mir ist das ganz klar der Fußball – und deshalb sage ich: Wenn schon eine Fußball-WM in Katar, dann doch bitte im November und Dezember!
Autor: Andreas Arens.
sportzumsonntag am 15. März 15
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