Depression im britischen Fußball?
Nach dem kollektiven frühen Scheitern der britischen Clubs im Europapokal suchen Fußball-Experten in ganz Europa nach Erklärungen, was denn schief gelaufen ist in der letzten Zeit. So ganz aus heiterem Himmel kommt der Misserfolg der Premier League nämlich nicht, schon in den vergangenen drei bis vier Jahren war international eine Negativtendenz erkennbar.
Bis dahin galt die finanzstärkste Liga der Welt als Vorbild, viele Fans und Fachleute sahen in der Premier League die beste Liga der Welt, die auch noch den attraktivsten Fußball geboten habe. Mittlerweile wird der Stil, der in der englischen Liga gespielt wird, aber auch als Grund für den ausbleibenden Erfolg angeführt. Die Spielweise und die Trainingsmethoden werden teilweise als überholt angesehen, insbesondere in taktischer Hinsicht hätten sich die britischen Vereine nicht weiterentwickelt. Wer in der vergangenen Woche das FA-Cup-Spiel zwischen Manchester United und dem Arsenal FC verfolgt hat, könnte dieser These durchaus zustimmen. Dabei versucht gerade van Gaal bei Man United ein taktisches Konzept einzuführen, das für den britischen Fußball eher untypisch ist (Ballbesitzfußball, Stärkung der Zentrale zu Ungunsten des Flügelspiels). Ob diese Taktik international mehr Erfolg verspricht, als das „englische System“ muss abgewartet werden, da Manchester in dieser Saison nicht im Europacup vertreten war. In der Premier League hat van Gaals Konzept bisher noch nicht zu 100 Prozent überzeugt, wie der vierte Rang mit deutlichem Abstand auf Tabellenführer Chelsea belegt.
Da die taktische Ausrichtung einer Mannschaft immer auch durch den Kader bestimmt ist, der zur Verfügung steht, ist es schwierig allein hieran die Misere festzumachen, obwohl man kaum bestreiten kann, dass sich die Spielweise in der englischen Liga in den letzten 15 Jahren nur unwesentlich verändert hat. Vielleicht war die Premier League in den 2000er Jahren zu erfolgreich, um die Notwendigkeit einer markanten Weiterentwicklung zu sehen. Doch selbst während dieser Zeit hatten die britischen Nationalteams bei großen Turnieren kaum Erfolge vorzuweisen. Und das obwohl in England von einer „goldenen Generation“ (Beckham, Scholes, Gerrard, Rooney, Terry, Lampard, Ashley Cole) die Rede war. Im Vereinsfußball gehörten diese Spieler (wie auch der Waliser Ryan Giggs) zum Besten, was es in Europa gab, in der Nationalmannschaft konnten sie das eher selten unter Beweis stellen. Oft wurde als Grund angeführt, dass es in den englischen Clubs halt auch viele Ausländer gebe, die den Erfolg sicherstellten; allerdings waren oder sind die genannten Spieler absolute Führungspersönlichkeiten in ihren Vereinen.
Etwas erstaunlich ist nun die Entwicklung der vergangenen zwei bis drei Jahre. Die Nationalmannschaften, außer England auch Wales, Schottland, Nordirland und Eire, haben zur Zeit alle recht gute Chancen, sich für die Fußball-EM 2016 zu qualifizieren. Insbesondere Wales (letzte Turnierteilnahme bei der WM 1958) hat in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Toptalente herausgebracht (nach Giggs waren dies insbesondere Gareth Bale und Aaron Ramsey) und scheint sich im (oberen) Mittelfeld der Nationalmannschaften etabliert zu haben. Und in England schaffen plötzlich wieder mehr Talente den Sprung in die erste Elf, sowohl in der Liga, als auch anschließend in der Nationalmannschaft. Die Jugendarbeit, auch die taktische Ausbildung, scheint in Großbritannien also gut zu sein. Woher kommt dann dieser Negativtrend der Premier League?
Die einfachste Erklärung könnte die verlorengegangene Qualität sein. Spielen in der englischen Liga wirklich noch die besten Fußballer der Welt? Eher nicht, ist man geneigt zu sagen, wenn man sich die Kader von Barca, Real, Bayern und auch PSG anschaut. Selbst Juventus scheint in den vergangenen zwei Jahren an den englischen Spitzenclubs vorbeigezogen zu sein. Dabei geben die Premier League Clubs nach wie vor das meiste Geld für ihre Spieler aus und Eden Hazard, Sergio Agüero, Ángel Di María etc. haben ja klangvolle Namen und das Potenzial jeder Mannschaft der Welt weiterzuhelfen. Es fällt mir somit schwer einen konkreten Grund für die Schwächephase der englischen Liga zu finden, wahrscheinlich ist es ein Zusammenspiel vieler Faktoren.
Als besonders störend habe ich in der Premier League schon immer die recht aufgeblähten Kader mit relativ wenig britischen Spielern empfunden. Spanien und auch Deutschland waren in den letzten Jahren die erfolgreichsten Nationalmannschaften, auch weil viele Clubs einheimische Talente entwickelt haben, die sich schnell auf ein sehr hohes Niveau gespielt haben. Das hat aber auch den jeweiligen Ligen einen Aufschwung verpasst.
Was bedeutet das für England? Der „Manchesterkapitalismus“ ist in der Wirtschaftswissenschaft ein Begriff, der sich vor allem auf die negativen Folgen des Kapitalismus bezieht. Irgendwie scheint mir dieser Terminus geeignet, auch das Problem des englischen Fußballs zu beschreiben. Umso mehr, als dass die beiden großen Clubs aus Manchester, United und City, Symbolcharakter für diese Entwicklung besitzen. Mit der Finanzkraft dieser Vereine kann eigentlich nur Paris Saint-Germain mithalten. Die Besitzer wollen natürlich Erfolg haben, aber die Mittel, um diesen zu erreichen, scheinen nicht unbedingt die richtigen zu sein. Etwas flapsig ausgedrückt könnte man sagen: Es wird alles gekauft, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Seit dem die Clubs durch das „Financial Fairplay“ zumindest geringfügig eingeengt sind, scheint diese Strategie noch wirkungsloser zu werden. Mit einem starken, einflussreichen und fähigem Trainer kann das zwar funktionieren, wie Alex Ferguson bewiesen hat, das optimale Konzept für längerfristigen Erfolg dürfte es aber nicht sein.
Wo ist die Vereinsphilosophie der englischen Clubs? So richtig kann man keine erkennen. Lediglich der Chelsea FC, vor 10 Jahren noch der „Hass-Verein“ aller Fußball-Romantiker scheint eine längerfristige Strategie festgelegt zu haben, an die man sich in den vergangenen Jahren auch gehalten hat. Nach zwischenzeitlichen Problemen auf der Trainerposition scheint auch in diesem Punkt wieder Stabilität einzukehren. Deshalb ist Chelsea zur Zeit der einzige englische Club, der dazu im Stande ist, mit der europäischen Spitze mitzuhalten. Ganz anders sieht das beim Londoner Rivalen Arsenal aus. Arsène Wenger galt etwa 15 Jahre lang (seit seinem Amtsantritt) als einer der modernsten und intelligentesten Trainer weltweit. Davon kann ich zur Zeit nur noch sehr wenig erkennen. Die Zusammenstellung seiner Mannschaft, was die einzelnen Positionen betrifft und auch die Auswahl der jeweiligen Spieler war in den vergangenen Jahren nicht nachvollziehbar. Auch wenn Arsenal zur Zeit ganz ansehnlichen Fußball spielt, muss sich Wenger schon fragen lassen, was denn eigentlich sein Konzept für dieses Team ist.
Bei so ziemlich allen englischen Vereinen hat man das Gefühl, dass Spieler beinahe blind, aber für viel Geld verpflichtet werden, weil die finanziellen Mittel einfach da sind. Kurzfristiger Erfolg, oder bezogen auf den „Manchesterkapitalismus“, kurzfristige Gewinnmaximierung sind das Ziel, werden aber selten erreicht.
Insgesamt ist diese Entwicklung wohl eher schädlich für den britischen Fußball. Das gesamte Geld fließt in die Premier League, wo auch fast nur das Geld zu zählen scheint. Bei den großen Clubs gibt es dann auch hervorragende Trainingsanlagen und eine professionelle Jugendarbeit, der Amateurfußball geht mittlerweile aber am Stock. Diese Vereine sind die Leidtragenden des „wilden Kapitalismus“ der Premier League. Dass sich auch kaum noch Geringverdiener den Weg ins Stadion leisten können, unterstreicht die Entwicklung des englischen Profifußballs zum elitären Sport. Das ist, aus meiner Sicht, langfristig das größte Problem des britischen Fußballs und es könnte sein, dass sich die ersten Auswirkungen jetzt abzuzeichnen beginnen. Mit dem neuen Pay-TV-Deal könnte sich diese Tendenz noch verstärken. Dann bleibt es abzuwarten, ob die Premier League langfristig wieder die europäische Spitze bildet, denn die Identifikation der wirklichen Fußballfans lässt, gerade bei den Topteams, immer mehr nach. Ich finde das sehr bedauerlich für das „Mutterland“ des Fußballs, doch das scheint so langsam auch die FA zu erkennen. Der englische Fußballverband will bis 2020 mehr sogenannte „homegrown players“ in den Kadern der Vereine sehen und dafür stärkere Beschränkungen für Nicht-EU-Ausländer einführen. Davon müssen nur noch die Clubs überzeugt werden...
Autor: Andreas Arens.
sportzumsonntag am 24. März 15
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