Valverde zum Dritten
Alejandro Valverde heißt der Sieger der 101. Austragung von Lüttich-Bastogne-Lüttich. Der spanische Top-Favorit setzte sich zum insgesamt dritten Mal bei dem ältesten Radrennen der Welt durch. Auf regennasser Straße ließ er seinen ärgsten Kontrahenten Julian Alaphilippe und Joaquim Rodríguez im Bergsprint der Spitzengruppe keine Chance. Bereits bei der „Generalprobe“ Mitte der Woche, der „Flèche Wallone“, hatte Valverde vor dem Franzosen Alaphilippe gewonnen, so dass das Endresultat der „Doyenne“ („die Älteste“), wie das Rennen in den belgischen Ardennen rund um Lüttich auch genannt wird, alles andere als eine Überraschung war.

Vor dem Start hatte es dennoch eine Reihe von Favoriten gegeben. Vorjahressieger Simon Gerrans musste nach zwei Stürzen vom Rad steigen, Weltmeister Michal Kwiatkowski und Lokalmatador Philippe Gilbert fielen am entscheidenden Anstieg, der Côte de Saint-Nicolas zurück. Gleiches passierte auch Tour-de-France-Sieger Vincenzo Nibali, der sich bis zum Zielanstieg zwar wieder in die Spitzengruppe fahren konnte, dort dann aber chancenlos war.
Im Finale dominierten die Spanier. Daniel Moreno attackierte früh und kam auch einige Meter weg. Dieser Angriff war ein taktisches Mittel des Katyusha-Teams rund um Joaquim Rodríguez, der seinen Landsmann Alejandro Valverde so unter Druck setzen wollte. Dieser blieb aber ruhig und startete erst 500 Meter vor dem Ziel seine Gegenattacke, der nur Rodríguez und der französische Jungstar Julian Alaphilippe folgen konnten. Schnell holten sie Moreno ein, Valverde zog den Spurt, wie schon bei der „Flèche Wallone“ von vorne an und gewann vor dem Franzosen, der sich über seinen zweiten zweiten Platz innerhalb von vier Tagen sichtlich ärgerte. Für Alaphilippe werden sich, im Gegensatz zu Rodríguez (der 2009 und 2013 bereits Zweiter war), aber noch genügend Gelegenheiten bieten, den Ardennen-Klassiker einmal zu gewinnen.

Mit seinem dritten Erfolg nach 2006 und 2008 ist Valverde nun endgültig einer der größten „Doyenne“-Spezialisten in der langen Geschichte dieses Rennens, das 1892 zum ersten Mal ausgetragen wurde. Mit seinen sechs Podestplätzen (Zweiter 2007 und 2014, Dritter 2013) ist der Spanier sogar auf dem besten Wege an Eddy Merckx heranzukommen. Der belgische Superstar des Radsports ist mit fünf Erfolgen Rekordsieger seines Lieblingsrennens und schaffte es zwischen 1967 und 1975 insgesamt sieben Mal aufs Podium.
Zu den Legenden von Lüttich-Bastogne-Lüttich gehörte Ende der Siebziger Jahre auch ein deutscher Fahrer. Dietrich Thurau lieferte sich in dieser Zeit oft ein spannendes Duell mir Bernard Hinault. Der fünfmalige Tour-de-France-Sieger gewann zwar 1977 und 1980 in Lüttich, 1979 musste er sich Thurau aber geschlagen geben. Dem Deutschen gelang mit seinem Sieg etwas Besonderes: 1977 war er Dritter, 1978 Zweiter geworden. Drei Podestplätze in Folge schafften nicht viele Fahrer bei der „Doyenne“. Vor Thurau waren dies: Léon Houa, der die drei ersten Ausgaben zwischen 1892 und 1894 gewann, der Italiener Vittorio Adorni, dem zwischen 1963 und 1965 allerdings kein Sieg gelang, sowie Eddy Merckx, der zwischen 1969 und 1973 sogar fünf Mal hintereinander auf dem Podest war und nur 1970 nicht gewann. In den 80ern übernahm der Italiener Moreno Argentin Merckx' Rolle, indem er zwischen 1985 und 1987 drei Mal in Folge als erster die Ziellinie überquerte – 1991 folgte noch der vierte Triumph.

Und nun schaffte also auch Alejandro Valverde sein drittes Podium in Serie. Bei den Klassikern scheint er immer wieder das Glück zu haben, das ihm bei den großen Landerundfahrten oder der Weltmeisterschaft so oft verwehrt blieb. Eigentlich ist Valverde nämlich so etwas wie der ewige Zweite, wie allein ein Blick auf seine WM-Bilanz zeigt: Zweiter 2003 und 2005, Dritter 2006, 2012, 2013 und 2014. Bei der Vuelta wurde er, neben seinem Sieg 2009, weitere zwei Mal Zweiter und drei Mal Dritter. Mehrfache Siege feierte er dafür bei den Klassikern Lüttich-Bastogne-Lüttich, Flèche Wallone und der Clásica San Sebastián. Im vergangenen Jahr krönte er sich sogar zum besten Fahrer der Saison, als er die Einzelwertung der UCI WorldTour gewann - wie auch schon in den Jahren 2006 und 2008. Der zu Beginn seiner Karriere prophezeite Tour-de-France-Sieg wird ihm wohl nicht mehr gelingen, dafür dürfte Valverde für den Herbst seiner Karriere noch ein ganz großes Ziel haben: den WM-Titel.

Autor: Andreas Arens.