80 Jahre DFB-Pokal Teil 3: Die Fünfziger
Erst sieben Jahre nach Kriegsende entschied sich der DFB dazu, neben der Deutschen Meisterschaft auch wieder einen Pokalwettbewerb auszuschreiben. Als Nachfolger des Tschammer-Pokals begann im August 1952 die erste Hauptrunde des neuen DFB-Pokals, für die sich 32 westdeutsche Mannschaften über die regionalen Pokalrunden qualifiziert hatten. Der deutsche Meister von 1952, der VfB Stuttgart scheiterte direkt mit 0:3 an den Offenbacher Kickers, die im Viertelfinale wiederum überraschend gegen Wormatia Worms unterlagen. Mit dem 6:1 über den HSV schoss sich Rot-Weiß Essen in die Favoritenrolle. Die Essener schafften es dann auch bis ins Finale nach Düsseldorf, wo am 1. Mai 1953 die Alemannia aus Aachen wartete.
Bei drückender Hitze machen die Alemannen von Beginn an Druck auf das Tor vom späteren Nationalkeeper Fritz Herkenrath. Mitte der ersten Halbzeit kann sich die gefürchtete Essener Sturmreihe um Helmut Rahn, Franz Islacker und Berni Termath mehr Platz verschaffen und das gleich mit Erfolg: Islacker hebt den Ball in der 32. Minute ins Aachener Netz und bringt RWE in Führung.
Vor und nach der Halbzeit-Pause macht Aachen Druck und Essen kurz darauf das Tor. Jung-Nationalspieler Helmut Rahn setzt in der 52. Minute zu einem unwiderstehlichen Dribbling an, das er mit einem Knaller zum 2:0 vollendet. Drei Minuten später gelingt Jupp Derwall mit einem weiteren Traumtor der Anschlusstreffer. Aus 25 Metern trifft der spätere Nationaltrainer genau in den Winkel. Dabei bleibt es aber: der erste Nachkriegs-Pokalsieger heißt Rot-Weiß Essen. Er erhält den Pokal, den der „Titelverteidiger“ 1st Vienna FC pünktlich wieder beim DFB abliefert hatte.
Aufgrund der Fußball-Weltmeisterschaft findet das Pokalfinale 1954 bereits im April statt. Austragungsort ist erstmals das Südwest-Stadion in Ludwigshafen, wo sich mit dem VfB Stuttgart und dem 1.FC Köln zwei Favoriten gegenüberstehen.
Die Kölner geben sich vor dem Endspiel siegessicher gegen Stuttgarts „Altherrentruppe“. Dass der deutsche Meister von 1950 und 1952 allerdings nicht viel von der alten Stärke eingebüßt hat, erkennen bald auch die Rheinländer, die gegen den VfB nicht wie gewohnt zur Entfaltung kommen. In der 75. Minute erhält der FC trotzdem die große Chance, als Nationalspieler Hans Schäfer im Strafraum zu Fall kommt. Der zweifelhafte Strafstoß streicht aber am rechten Pfosten vorbei und so bleibt es beim 0:0 nach 90 Minuten. In der Verlängerung schießt Außenstürmer Erwin Waldner zum entscheidenden 1:0 für Stuttgart ein und sein Team so zum Pokalsieg. VfB-Keeper Bögelein ist sich allerdings sicher, auch seinen Teil dazu beigetragen zu haben, durch sein „Hinundherwackeln“ beim Elfmeter der Kölner habe er den Schützen so irritiert, dass dieser danebenschoss.
Ein bis dahin relativ unbekannter Verein macht in der Pokalrunde 1954/55 auf sich aufmerksam. Der ein Jahr zuvor aus einer Fusion entstandene Karlsruher SC schaltet im Viertelfinale den Titelverteidiger aus Stuttgart deutlich mit 5:2 aus und schafft es anschließend bis ins Finale nach Braunschweig. Gegner dort ist der FC Schalke 04, der etwa 25.000 Schlachtenbummler - von insgesamt rund 30.000 Zuschauern - aus Gelsenkirchen mitgebracht hat. Diese sehen zwei stürmende Mannschaften und so wundert es etwas, dass es zur Halbzeit „nur“ 1:1 steht; Ernst Kunkel (KSC) und Helmut Sadlowski (Schalke) lauten die Torschützen.
In der zweiten Halbzeit geht es offensiv weiter, doch erst nach einem Zusammenprall mit KSC-Keeper Rudi Fischer gelingt dem Schalker Mittelstürmer Sadlowski ein weiterer Treffer. Jetzt ziehen sich die Königsblauen etwas zurück, was aber auch mehr Platz für den Karlsruher Spielmacher Kurt Sommerlatt bedeutet. Der erzielt in der 83. Minute per Direktabnahme den Ausgleich und nur zwei Minuten später trifft „Ossi“ Traub zum 3:2 für den KSC. Die Schalker finden darauf keine Antwort mehr und müssen Karlsruhe den Pokalsieg überlassen.
Auch 1956 steht der KSC im Finale, das im heimischen Wildpark-Stadion ausgetragen wird. Heimvorteil also für die Karlsruher, die mit sechs Titelverteidigern und dem Essener Pokalsieger von 1953, Berni Termath auflaufen. Gegner des aktuellen Vizemeisters ist der Hamburger SV, der sich in der ersten Halbzeit spielbestimmend zeigt. Jungstar Uwe Seeler bringt die Hanseaten in Führung, doch in der Folge verpasst der HSV eine frühe Vorentscheidung. Noch vor der Pause gelingt Termath der Ausgleich.
In zweiten Halbzeit präsentiert sich dann endlich der KSC wie die Heimmannschaft, insbesondere Berni Termath ist von der Hamburger Defensive nicht in den Griff zu bekommen. Er trifft zum 2:1 und bereitet die Entscheidung durch den Luxemburger Antoine Kohn vor. 3:1 – die Karlsruher verteidigen ihren Titel. Dass auch Bundestrainer Sepp Herberger die Gala von Termath im Stadion verfolgt hat, interessiert den Matchwinner anschließend wenig: „Das ist mir wurscht, Hauptsache, wir haben gewonnen!“.
Die Pokalrunde 1957 wird erst in der zweiten Jahreshälfte ausgetragen, das Endspiel findet am 29. Dezember in Augsburg statt. Mit Fortuna Düsseldorf und vor allem mit Bayern München stehen sich eher zwei Außenseiter gegenüber. In Kurt Sommerlatt und Gerhard Siedl, die kurz zuvor vom KSC an die Isar gewechselt waren, verfügen die Bayern aber immerhin über zwei Titelverteidiger und mit Kapitän Hans Bauer zudem über einen Weltmeister.
Auf das Schneetreiben präsentieren sich die Münchener von Beginn an besser eingestellt und setzen die favorisierten Düsseldorfer immer weiter unter Druck – doch das Tor will nicht fallen. Auf der Tribüne zeigt sich Bundestrainer Herberger insbesondere von Bayerns Rudi Jobst begeistert. In der 80. Minute kann dieser den Düsseldorfer Schlussmann Albert Görtz endlich überwinden und sichert seinem Team so den ersten Pokalsieg überhaupt. Der dritte in Folge war es allerdings bereits für Kurt Sommerlatt – das hat bis heute kein anderer deutscher Spieler geschafft.
Auch 1958 spielt sich die Düsseldorfer Fortuna bis ins Pokalfinale. In Kassel trifft man auf den VfB Stuttgart, der weiterhin von Erfolgstrainer Georg Wurzer geführt wird. Es wird das bisher vielleicht aufregendste Endspiel der deutschen Pokalgeschichte.
In der ersten Halbzeit verzweifeln die Fortunen an VfB-Schlussmann Günther Sawatzki, der seinen langen Zopf vor Bundestrainer Sepp Herberger immer unter einer Mütze versteckt hält. Die 1:0-Pausenführung für die Stuttgarter durch Praxl ist sehr schmeichelhaft.
Mit einem Doppelschlag kurz nach der Halbzeit rückt Düsseldorf die Verhältnisse zurecht. Innerhalb von zwei Minuten bringen Karl Hoffmann und Franz-Josef Wolfframm die Rheinländer in Führung. Doch diese hat nicht lange Bestand, erst gleicht Rolf Geiger aus, dann bringt Erwin Waldner den VfB wieder in Führung. Fortunas Mittelstürmer Wolfframm gelingt in der 79. Minute der abermalige Ausgleich: Verlängerung.
Das Siegtor erzielt schließlich ein Mann, der zwischenzeitlich gar nicht mehr auf dem Feld steht. Lothar Weise, als junger Spieler zweifacher DDR-Meister mit Erfurt, wird während der zweiten Halbzeit am Knie behandelt. In der einbrechenden Dunkelheit schießt er den VfB Stuttgart in der 113. Minuten zum zweiten Pokalsieg.
Ein besonderes Finale findet am 27. Dezember 1959 in Kassel statt. Mit Schwarz-Weiß Essen und Borussia Neunkirchen schaffen es zwei Mannschaften ins Finale, die nie zuvor und nie danach wieder eine bedeutende Rolle im deutschen Fußball spielen sollten. Die Essener präsentierten sich im Jahresverlauf als Pokalschreck und verfügen über eine hervorragende Angriffsreihe, mit Spielern, die später bei anderen Vereinen weitere Erfolge feiern werden.
Das Finale ist so einseitig, wie wenige in der Geschichte des DFB-Pokals. Als es 5:0 für die Essener steht (Torschützen: 2x Rummel, Klöckner, Trimhold, Schieth), entscheiden sie sich nur noch mit dem linken Fuß zu spielen, so kommt die Borussia immerhin noch auf 2:5 heran.
Für ein anderes Kuriosum sorgte die Ruhrgebiets-Truppe im Halbfinale beim Hamburger SV. Gegen das hanseatische Top-Team um Uwe Seeler kämpfte man sich auf fremden Platz in die Verlängerung, in der Manfred Rummel die Essener in Führung brachte. Kurz vor Schluss musste Schwarz-Weiß-Keeper Merchel verletzt vom Platz. Da Wechsel noch nicht erlaubt waren, stellte sich Verteidiger Karl-Heinz Mozin ins Tor. Mit der Schiedrichterjacke bekleidet sah der neue Essener Torhüter HSV-Stürmer Charly Dörfel allein auf seinen Kasten zulaufen. Im Hechtsprung riss er dem verdutzten Hamburger Nationalspieler die Hose runter, der anschließend vergaß den Ball im leeren Tor unterzubringen. Der Schiedsrichter ließ sich vom Flehen des Übeltäters erweichen und schickte ihn nicht vom Platz. Essen rettete den Sieg über die Zeit und hatte damit den entscheidenden Schritt zum einzigen Titel in der Vereinsgeschichte gemacht.
Autor: Andreas Arens.
sportzumsonntag am 27. April 15
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