They've thrown piss at poor Chris
Zwei Wochen und die Pyrenäen liegen bereits hinter dem Péloton der Tour de France 2015, die wohl entscheidenden Etappen in den Alpen warten aber noch. Dennoch gibt es wenig Zweifel, dass Spitzenreiter Chris Froome auch in der letzten Woche sein gelbes Trikot verteidigen wird – zu stark war seine bisherige Performance. Diese Überlegenheit ließ viele Zweifler aufhorchen: kann Froomes Leistung wirklich mit rechten Dingen zugehen?
Schon nach seinem zweiten Platz 2012 und dem Tour-Sieg 2013 waren Stimmen zu hören, die Froome mit Dopingvorwürfen in Zusammenhang brachten. Während dieser Tour wird ganz offen darüber diskutiert, sogar ehemalige Radprofis verdächtigen den Briten öffentlich. Froomes Reaktion hierauf erinnert ebenso stark an Lance Armstrong, wie sein gesamtes sonstiges Auftreten – und das macht ihn beim französischen Radsportpublikum unbeliebt. Beschimpfungen an der Strecke und Pfiffe während der Siegerehrungen waren beinahe täglich zu hören. Am gestrigen Samstag erlebte der Sky-Profi dann aber eine ziemlich unschöne Situation. Ein Zuschauer vom Streckenrand bewarf Froome mit einem mit Urin befüllten Becher. Eine Aktion, die der gebürtige Kenianer verständlicherweise inakzeptabel fand. So etwas hat im Sport auch tatsächlich nichts zu suchen, allerdings ist es ebenso schlechter Stil von Chris Froome, die Schuld daran französischen Radsportexperten zu geben, die ihm unerlaubte Leistungssteigerung unterstellen.
Dass ehemalige Radprofis wie Laurent Jalabert oder Lance Armstrong Froomes Leistungen in Frage stellen mutet schon etwas grotesk an, auf der anderen Seite zeigt der Tour-Leader in seinen Reaktionen wenig Souveränität. Insgesamt scheint der Radsport rund 10 Jahre nach dem „Fuentes-Skandal“ immernoch auf der Suche nach einem Neuanfang. Allerdings sei hier auch angemerkt, dass in vielen anderen (Ausdauer-)Sportarten eine ebenso große Doping-Problematik vorhanden ist.
Sollte nichts Unvorhergesehenes passieren, ist Chris Froome der Tour-Sieg 2015 wohl nicht mehr zu nehmen. Die besten Chancen auf den zweiten Platz besitzt der Kolumbianer Nairo Quintana, der während der letzten Tage immer besser in Tritt kam. Ähnliches gilt für seinen Mannschaftskollegen Alejandro Valverde aus Spanien, der in den Alpen voraussichtlich mit seinem Landsmann Alberto Contador und dem US-Amerikaner Tejay van Garderen um den letzten Podiumsplatz kämpfen wird. Das zumindest sind die Eindrücke aus den Pyrenäen, aber in der letzten Woche kann auch noch viel Zeit aufgeholt oder verloren werden. Spannend bleibt es in der Gesamtwertung auf jeden Fall.
In der Punktewertung, die eigentlich die Deutschen André Greipel und John Degenkolb gewinnen wollten, ist der Slowake Peter Sagan an den letzten beiden Tagen etwas davongezogen. Er schaffte es jeweils in die Ausreißergruppe und konnte die Zwischensprints leicht gewinnen, bei denen seine deutschen Kontrahenten jeweils leer ausgingen. Da half auch der Doppelsieg (Greipel vor Degenkolb) am heutigen Sonntag wenig. Sagan sammelte als Vierter im Ziel genügend Punkte, um einigermaßen beruhigt in die letzte Woche zu gehen. Doch auch der Kampf um das grüne Trikot ist noch lange nicht entschieden, Sagan hat allerdings die besten Aussichten dieses Jersey, wie schon in den vergangenen Jahren, nach Paris zu bringen.
Wer die Bergwertung gewinnt lässt sich noch gar nicht abschätzen, da ein Großteil der Punkte noch vergeben wird und das Klassement bis jetzt ziemlich ausgeglichen ist. Auch hier führt Froome vor Joaquim Rodríguez, Jakob Fuglsang und dem Mannschaftskollegen Richie Porte. Da Froome um den Gesamtsieg kämpft wird er keinen gesteigerten Wert auf das Bergtrikot legen. Vielleicht würde er es auch gerne dem Sky-Kollegen Porte überlassen. Ich denke jedoch, dass Rodríguez und Fuglsang bessere Chancen haben, da sie in der letzten Woche kaum Hilfsaufgaben übernehmen müssen und auch keine Ambitionen mehr in der Gesamtwertung hegen. Nicht zu vergessen ist der letztjährige Sieger Rafal Majka aus Polen, der auch in diesem Jahr schon eine Bergetappe gewonnen hat. Vielleicht kommt aber auch noch ein Fahrer hinzu, der bis jetzt wenig oder gar keine Punkte gesammelt hat – im Kampf um das gepunktete Trikot ist noch alles drin.
Die „Gewinner“ der Tour 2015 sind bisher die Briten. Außer Froome überzeugten der Waliser Geraint Thomas (Gesamt-Sechster), Steven Cummings (ein Etappensieg), die Yates-Brüder und auch Mark Cavendish (ein Etappensieg) zeigte sich gegenüber den Vorjahren wieder verbessert. Die „Verlierer“ sind die gastgebenden Franzosen: nur ein Etappensieg steht bisher zu Buche und die in den letzten Ausgaben so überzeugenden Klassement-Fahrer haben keine Möglichkeit mehr auf das Podium zu kommen, einzig Tony Gallopin befindet sich derzeit in den Top-Ten.
Für die deutschen Fahrer läuft die Tour, wie schon im Vorjahr, sehr zufriedenstellend. Insbesondere André Greipel, nun schon mit drei Etappensiegen auf dem Konto, wusste zu überzeugen. Auch wenn John Degenkolb keinen Tagesabschnitt für sich entscheiden konnte, beweist er, dass er in den nächsten Jahren ein ernstzunehmender Aspirant auf den Sieg in der Punktewertung sein kann. Erwähnen sollte man auch noch Youngster Emanuel Buchmann, der in seiner ersten Profisaison aufhorchen lässt. Vor der Tour wurde er sensationell Deutscher Straßenmeister und in den Pyrenäen stellte er sein Talent als Bergfahrer unter Beweis. Auf der schweren elften Etappe über den Col du Tourmalet wurde er sogar Tages-Dritter. Vielleicht gibt es in Deutschland ja bald auch mal wieder einen Klassement-Fahrer.
Autor: Andreas Arens.
sportzumsonntag am 19. Juli 15
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