Oranje vor dem EM-Aus!
Die Qualifikation für die Fußball-EM 2016 in Frankreich geht in ihre entscheidende Phase. Mit England, Tschechien und Island haben sich an diesem Wochenende bereits die ersten Teams qualifiziert. Den Niederlanden droht nach den Pleiten gegen Island und in der Türkei dagegen ein vorzeitiges Scheitern. Selbst der Playoff-Platz ist aus eigener Kraft nicht mehr zu schaffen.
Auch in den meisten anderen Gruppen zeichnet sich bereits ab, welche Teams im kommenden Jahr zur Europameisterschaft fahren dürfen.

Gruppe A
Tschechien hat sich mit dem heutigen Sieg schon sicher qualifiziert, gleiches gelang Island am Abend. Für die erstmalige Teilnahme an einem großen Turnier reichte im Heimspiel gegen Kasachstan schon ein Punkt dafür. Für den gut 300.000 Einwohner zählenden Inselstaat ist das ein beachtlicher Erfolg, vor allem wenn man bedenkt, dass die Handball-Nationalmannschaft des Landes seit einigen Jahren zu den Topnationen der Welt gehört.
Im Kampf um Platz drei haben die Niederlande nach der 0:3-Klatsche in der Türkei einen Rückschlag erlitten. Damit könnte erstmals seit 1984 (damals übrigens auch in Frankreich) eine Fußball-EM ohne die „Elftal“ stattfinden. Auch wenn das in der Heimat als große Blamage gewertet würde, so ganz unabsehbar kommt diese Entwicklung nicht. Seit der Generation Robben/Sneijder sind keine überragenden Jugendspieler mehr hochgekommen, wie man es jahrelang in den Niederlanden gewohnt war. Schon bei der sehr schwachen EM 2012 fiel die Unausgeglichenheit des Kaders auf. Auch bei der WM 2014, als van Gaal „Oranje“ auf den dritten Platz führte, lebte man vor allem von den – mittlerweile in die Jahre gekommenen – Topstars Robben, van Persie und Sneijder und vom Teamgeist. Es könnte sein, dass die niederländischen Fans ihre Ansprüche für die kommenden Jahre etwas zurückschrauben müssen.

Gruppe B
(Noch) nicht ganz geschafft hat es Wales, sich erstmals für eine EM-Endrunde zu qualifizieren. Am frühen Abend kam man nicht über ein 0:0 gegen den direkten Konkurrenten Israel hinaus. Ein Punkt aus den verbleibenden zwei Partien (eine davon gegen Andorra) reicht den Walisern aber für das Ticket nach Frankreich. Dieser Erfolg käme dann nicht ganz so überraschend, hat man in den vergangenen Jahren doch immer wieder britische Toptalente herausgebracht. An erster Stelle ist da der in dieser Qualifikation herausragende Gareth Bale zu nennen, aber auch Aaron Ramsey ist jedem Fußball-Fan ein Begriff.
Dahinter sollten es die Belgier nach Frankreich schaffen. Diese Nationalmannschaft verfügt, nach Spanien und Deutschland, mittlerweile über die besten Einzelspieler Europas. Auf Grund dieser individuellen Klasse, dürften die Belgier keine größeren Probleme auf dem Weg ins Nachbarland bekommen. Dank des Punktes in Wales bleibt Israel in der Pole Position im Kampf um Rang drei gegen die bislang überraschend schwachen Bosnier.

Gruppe C
Trotz sechs Siegen aus sieben Spielen darf sich Titelverteidiger Spanien noch nicht sicher sein. Die Verfolger Slowakei (ebenfalls 18 Punkte) und Ukraine (15 Punkte) sind den Iberern dicht auf den Fersen. Das liegt allerdings auch daran, dass die anderen drei Teams dieser Staffel nicht konkurrenzfähig zu sein scheinen: Luxemburg belegt mit vier Punkten den vierten Rang.
Dass Spanien sich qualifiziert, bezweifelt wohl kaum jemand. Spannend wird es dann um das zweite Direkt-Ticket zwischen der Slowakei und der Ukraine. Eine Prognose ist hier schwierig und auch der Dritte hat ja im Playoff noch die Chance.

Gruppe D
Nach dem Sieg über Polen hat Deutschland die Tabellenführung übernommen. Der 3:1-Erfolg in Frankfurt war das beste Spiel des Weltmeisters seit eben jenem Titel. Den bisher holprigen Verlauf der Quali könnte man so auch als wichtigen Lernprozess für das auf einigen Positionen veränderte Team betrachten. Mit einem Sieg in Schottland könnte morgen unter Umständen schon das Ticket nach Frankreich gebucht werden. Dahinter dürfte es spannend werden. Zwar hat sich Polen bisher sehr stark präsentiert, doch Irland und Schottland haben nicht viel Rückstand auf das Team um Star-Stürmer Róbert Lewandowski, der mit acht Treffern die Torschützenliste anführt.
Sollte Deutschland in Schottland verlieren, könnten sogar vier Teams bis zum letzten Spieltag alle Optionen haben. In dieser Gruppe ist also noch sehr viel möglich.

Gruppe E
Sieben Spiele, sieben Siege, eine Tordifferenz von +21 und als erste Nation für die EM qualifiziert – besser hätte es für die Engländer bisher nicht laufen können. Wie alle anderen britischen Teams zeigten sich die „Three Lions“ in der abgelaufenen Saison in hervorragender Verfassung. So ganz zu erklären ist diese plötzliche Erfolgssträhne eigentlich nicht, hat sich doch an den Voraussetzungen für die britischen Nationalteams in den vergangenen Jahren wenig geändert. Mit Raheem Sterling, Harry Kane oder John Stones scheint es aber wieder einige vielversprechende englische Talente zu geben, die das Niveau der Nationalmannschaft vielleicht wirklich etwas angehoben haben. Die Chemie scheint auch zu stimmen – England sollte man bei der EM auf dem Zettel haben.
Als Zweiter dürften sich die Schweizer durchsetzen, die ihr gestriges Spiel gegen Slowenien erst in buchstäblich letzter Sekunde gewannen. Bis zur 84. Minute lag man 0:2 zurück, dann folgte die Aufholjagd, die mit dem 3:2-Siegtreffer in der vierten Minute der Nachspielzeit gekrönt wurde. Slowenien muss sich nun mit dem Kampf um Platz drei gegen Estland begnügen.

Gruppe F
Ein sehr interessantes Bild bietet die Gruppe F: Das als Gruppenkopf gesetzte Griechenland befindet sich mit mickrigen zwei Pünktchen auf dem letzten Tabellenplatz, mit bereits vier Punkten Rückstand auf den Fünften, die Färöer Inseln! Nach dieser „Glanzleistung“ balgen sich die drei anderen „starken“ Nationen Rumänien, Ungarn und Nordirland um die Quali-Plätze. Die besten Aussichten hat zur Zeit überraschenderweise Nordirland, das sich zum ersten Mal für eine EM-Endrunde qualifizieren möchte. Das morgige Spiel gegen Ungarn könnte für beide Mannschaften vorentscheidend sein. Gewinnt Nordirland, ist die Gruppe quasi entschieden, gewinnt Ungarn wird es ganz, ganz spannend.

Gruppe G
Die sichere Qualifikation knapp verpasst hat Österreich, obgleich des Sieges über Moldawien, da Russland zeitgleich gegen Schweden gewann. Trotzdem sollte die EM-Teilnahme für die Alpenrepublik nur noch Formsache sein. In dieser Qualifikation präsentierten sich die Österreicher so stark, wie wohl seit den 80er Jahren nicht mehr. Mit David Alaba hat man einen absoluten Topspieler im Team und der Rest befindet sich auf gutem Bundesliga-Niveau. Österreich hat gewiss keine schlechte Mannschaft zur Verfügung, deshalb darf man auch auf die Leistung bei der EM gespannt sein.
Schweden und Russland werden sich einen interessanten Kampf um Rang zwei und drei der Staffel liefern.

Gruppe H
Auch die Gruppe H bietet an den letzten Spieltagen noch viel Brisanz. Norwegen hat mit dem 2:0-Sieg über Kroatien den direkten Konkurrenten auf den dritten Platz verdrängt. Italien konnte sich deshalb mit einem Erfolg über Bulgarien heute Abend etwas absetzen. Mit einer Auswärtspartie in Aserbaidschan und dem abschließenden Gruppenspiel gegn Norwegen haben die Italiener aber ein recht anspruchsvolles Restprogramm.
Es ist etwas überraschend, dass Norwegen mit diesen beiden, doch deutlich besser besetzten, Nationen mithalten kann. Diese Qualifikation zeigt allerdings in vielerlei Hinsicht veränderte Konstellationen, die darauf hindeuten, dass die Anzahl an konkurrenzfähigen Nationalmannschaften in Europa weiter wächst. In dieser Hinsicht scheint die Erhöhung auf 24 Teilnehmer bei Europameisterschaften nicht die schlechteste Entscheidung gewesen zu sein.

Gruppe G
Portugal, Albanien und Dänemark liegen fast gleichauf, wobei die beiden Erstgenannten ein Spiel weniger absolviert haben. Gewinnt Portugal das morgige Auswärtsspiel gegen Albanien, können Cristiano Ronaldo und Co. das Ticket nach Frankreich wohl schon buchen. Für die Portugiesen wäre dies die neunte Turnier-Teilnahme in Folge seit 2000, was umso beachtlicher ist, wenn man bedenkt, dass sie sich zuvor nur für die WM 1966 sowie die Europameisterschaften 1984 und 1996 qualifizierten. Man darf gespannt sein, ob diese Entwicklung auch nach „CR7“ (und der vorherigen Generation um Luís Figo und Rui Costa) unvermindert anhält.
Die Überraschung der Gruppe ist Albanien, das vor wenigen Jahren noch eher als „Prügelknabe“ unter den europäischen Fußballnationen galt. Ähnlich wie Island, Wales oder Bosnien-Herzegowina hat diese Mannschaft aber tatsächlich ein Niveau erreicht, um auch „großen“ Nationen Paroli bieten zu können.

Autor: Andreas Arens.




j0hans0n am 10.Sep 15  |  Permalink
Unübersichtlich wie sonst nur was...
Eine Wahnsinnsarbeit nur den aktuellen Stand zusammenzustellen. Finde das Qualiformat für die besseren Fußballmanschaften sehr nachteilig. Was für Erkenntnisse sollen aus Spielen gegen Luxemburg, Moldawien oder Aserbaidschan gewonnen werden? Welchen Nutzen hat man von den unzähligen Flugstunden? Und warum sollte ein Spieler das hohe Verletzungsrisiko gegen einen übermotivierten Gegner in einem Pflichtspiel eingehen?
Klar ist es für die kleineren Nationen ein Ereignis mal gegen eines der Top-Teams zu spielen, wie bei vielen anderen Regelungen (zB Aufwertung der Meister aus kleineren Ländern in der Champions League oder der Erweiterung des EM-Turniers auf 24 Manschaften) kommt Platini den kleineren Verbänden, seinen Hauptunterstützern, entgegen. Und auch für Sebastian Rudy und Co. ist es schön den Marktwert mit ein paar Länderspielen zu steigern.
Im Ergebnis gibt es dann eine ganze Schwemme von Erstlingen bei einer EM. Nur schade für Ryan Giggs, dass die Regelung erst jetzt kommt. So einen Spieler hätte ich wirklich gerne mal bei einem großen Turnier gesehen.
Auf England bin ich wirklich gespannt. Ich glaube gar nicht so sehr, dass die ganz jungen Talente dem Team den entscheidenen Schub gegeben haben, sondern eher die jetzt etwas erfahreneren Mitzwanziger. Meiner Meinung nach haben Lampard und Gerrad der nachwachsenden Generation ein wenig den Weg verstellt. Und als gewagte Prognose würde ich noch schätzen, dass Rooney unter van Gaal noch einmal richtig dazugelernt hat und weiter lernen wird. Denn wenn ein Trainer auf Ergebnisse ausgelegt ist, dann ist es van Gaal. Und wie sagte ein Altmeister der K.O.-Turniere so schön: "Wollen sie, dass wir Weltmeister werden oder sollen wir schön spielen und wieder ausscheiden?"

Jochen

sportzumsonntag am 10.Sep 15  |  Permalink
Endlich mal wieder ein Kommentar ;) Ich hoffe mit unübersichtlich meinst du die Qualifikation an sich und nicht meinen Artikel... Leider ist es in der Maske nicht möglich Verlinkungen herzustellen etc. (zumindest bekomm ich das mit Java Script, was man hier in einer vereinfachten/abgespeckten Version verwenden muss nicht hin).
Es wäre natürlich wünschenswert, wenn quasi chancenlose Nationen eine Vorqualifikation absolvieren würden. Auf der anderen Seite ist sowas vorher schwer einzuschätzen. Bei der letzten EM-Quali war Wales im letzten oder zweitletzten Topf, wenn es nach der aktuellen FIFA-Weltrangliste geht, hätten sie im Moment sogar Chancen als Gruppenkopf bei der Endrunde gesetzt zu sein. Manchmal gibt es bei Nationalteams Entwicklungen, die nicht absehbar sind (negatives Beispiel: Griechenland). Klar San Marino, Andorra, Gibraltar oder Malta werden sich niemals für ein großes Turnier qualifizieren, aber alle anderen Nationen in Europa können sich durchaus dahin entwickeln (siehe Island oder Albanien), selbst wenn dafür manchmal eben viel Glück (Auslosung, Tagesform etc) nötig ist.
Deshalb halte ich auch die Erhöhung auf 24 Teams nicht für schlimm. Das Niveau der schwächsten Teams wird das Niveau der schwächsten WM-Teilnehmer nicht unterschreiten. Aber das sind mit Sicherheit Punkte über die man lange (und ergebnislos) diskutieren kann.
Ryan Giggs hätte ich auch gern mal bei nem großen Turnier gesehen und Wales hat es aus meiner Sicht auch mal wieder verdient, sich zu qualifizieren. Bei England könntest du Recht haben, insbesondere was Rooney betrifft. Ich würde sagen van Gaal hat wieder in die Form von vor 5, 6 Jahren gebracht. Und natürlich haben sich auch die Spieler in der "Zwischen-Generation" (Henderson und Co.) weiterentwickelt. Vielleicht passt es in dieser Mannschaft insgesamt einfach besser, als in der Zeit mit den vielen "Alphatierchen" (neben Rooney eben auch Gerrard, Lampard oder Terry). Gespannt bin ich auf jeden Fall, ob England seine Quali-Leistungen bei der EM bestätigen kann. Zwischen 2002 und 2008 waren sie vor dem Turnier für mich immer der Geheimtipp, aber da gab es halt zu viele Elfmeterschießen...

j0hans0n am 12.Sep 15  |  Permalink
Natürlich ist der Qualimodus unübersichtlich
Fand deine Zusammenfassungen ziemlich akurat und prägnant. Natürlich hat jeder Qualimodus Vor- und Nachteile. Aber die öffentlich rechtlichen Sender haben sich deshalb nicht Arme und Beine ausgerissen um zu verhindern, dass die Quali auf RTL läuft. Was ich bei dem RTL Paket interessant finde sind die Übertragungen von Spanien- und Hollandspielen über den Spartenkanal. Ich muss sagen die ARD Zuammenfassungen von 4-5 Minuten geben nicht wirklich ein Bild vom Verlauf der übrigen Spiele. Holland hat übrigens ein ähnliches Problem wie Spanien und Deutschland. Bei denen fällt der Generationswechsel auf Grund des kleineren Spielerpools nur schwerer ins Gewicht. Aber selbst Spanien mit einer der Top 5 Nachwuchsarbeiten in Europa hat Probleme. Man kann den jungen Spielern halt Fußballspielen beibringen, aber Titel zu gewinnen ist nochmal eine extra Fähigkeit, die man sich aneignen muss. Wenn man sich anguckt was die Bayern-/Nationalspieler alles verloren haben, bis sie endlich die Champions League/Weltmeisterschaft gewinnen konnten; so eine Erfahrung wächst eben nicht auf Bäumen. Und deshalb macht es meiner Meinung nach auch Sinn zu einem Top Klub zu wechseln als jüngerer Spieler. Möglicherweise geht die Einsatzzeit runter, aber Gewinnen und Dominieren kann man nicht überall lernen. Etwas das in der Bundesliga Gladbach gerade bitter erfahren muss...

P.S.: Was hälst du als Geheimtipp von Belgien und/oder Österreich?

sportzumsonntag am 14.Sep 15  |  Permalink
Belgien ist mein persönlicher Favorit
Ich halte sehr viel von dem belgischen Team, finde sie haben hervorragende Einzelspieler in jedem Mannschaftsteil (Courtois, Kompany, de Bruyne, Eden Hazard) ergänzt durch viele sehr gute (wie Vertonghen, Benteke etc.). Das einzige was den meisten Spielern fehlt ist die von dir angesaprochene Final-Erfahrung. Dennoch denke ich, dass Belgie bei der EM eine sehr gute Rolle spielen kann und hoffe eigentlich, dass sie den Titel holen.
Österreich ist mit Sicherheit nicht ganz so weit, aber die Entwicklung der letzten Jahre ist erstaunlich positiv und es scheinen (ähnlich wie in Belgien) auch noch vielversprechende Talente hochzukommen. Ich denke, dass Österreich vom Leistungsvermögen auf jeden Fall ins Achtelfinale gehört, mit einem David Alaba in Top-Form ist auch das Viertelfinale drin.

Was du geschrieben hast, sehe ich ähnlich. Natürlich ist es am interessantesten sich die Top-Nationen anzusehen und dann auch gerne etwas ausführlicher. Vielleicht sollte man sowas wie eine European Nations League einführen, mit Auf- und Abstieg.